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Das Dämmmaterial aus dem Meer.

Das maritime Baumaterial der Zukunft.

Für die einen ist es ein stinkendes Übel, für die anderen ein wertvolles Baumaterial. Swantje Streich und Jörn Hartje handeln mit Seegras aus der Ostsee und verkaufen es als ökologischen Dämmstoff. Ihre Ware kommt von der dänischen Ostseeküste. In Deutschland wird das maritime Gras bisher hauptsächlich als lästiges Abfallprodukt entfernt.

Ein vergessenes Material.

Seegras ist auch ein geschätzter Roh- und Baustoff. Traditionell wurde das angespülte Treibgut für viele Zwecke verwendet, unter anderem als Dünger, als Polsterstoff für Möbel und zum Decken und Dämmen von Häusern. Im vergangenen Jahrhundert geriet Seegras als Rohstoff jedoch fast in Vergessenheit. Erst seit einigen Jahren ist es als nachhaltiger Baustoff wieder stärker gefragt.

„Die Nachfrage nach Seegras als Dämmmaterial boomt – auch für große Mengen“, sagt Swantje Streich. Gemeinsam mit ihrem Mann Jörn Hartje hat sie 2012 die Firma „Seegrashandel“ in Schleswig-Holstein gegründet. Streich und Hartje schätzen, dass sie bereits mehr als 300 Baustellen mit dem getrockneten Seegras beliefert haben. Anfangs sei es schwierig gewesen, das Dämmmaterial bekannt zu machen, sagen sie. Nur vereinzelt hatten sie Kund:innen, verkauften mal hier, mal dort einige Ballen. „Jahrelang dümpelte die Nachfrage vor sich hin“, sagt Streich. Doch das änderte sich stark. „Jetzt kaufen manche Kund:innen gleich einen ganzen LKW“, sagt Streich. Die Nachfrage übersteige mittlerweile bei Weitem die Menge an Seegras, die sie derzeit verkaufen können.

In Abhängigkeit von Wind und Wetter.

„Im Moment haben wir auch noch eine Lieferflaute“, erklärt Streich. Denn der natürliche Rohstoff ist auch abhängig von Wind und Wetter. In diesem Winterhalbjahr seien große Mengen des Seegrases in Deutschland statt in Dänemark angeschwemmt worden. Bisher wird das Unternehmen in Schleswig-Holstein jedoch hauptsächlich von Seegrasbauern aus Dänemark beliefert. In Deutschland gibt es zwar vereinzelte Pilotprojekte für die Nutzung der Pflanzen als Baustoff. Aktuell wird das angeschwemmte Gras aber noch größtenteils in Kompostieranlagen entsorgt. „Wir möchten auch das Seegras der deutschen Ostseeküste nutzbar machen. Dafür brauchen wir einen Standort in Küstennähe, wo Seegras gesammelt, gewaschen, getrocknet und gepresst wird“, sagt Streich. Derzeit verkaufen sie etwa 50 Tonnen im Jahr, es sollen aber 100 bis 200 Tonnen pro Jahr werden. Damit das gelingt, müsste es aber auch an der deutschen Küste Betriebe geben, die das Seegras in großem Stil einsammeln und aufbereiten. Sie haben bereits zusammen mit einem Unternehmen, das Seegras für Kompost verwendet, einen Antrag gestellt, um das Seegras auch an den deutschen Küsten in großem Stil verwenden zu dürfen. Rechtlich ist das bisher nicht ganz einfach. Denn sobald man Seegras vom Strand aufsammelt, sortiert und abtransportiert, wird es als Abfall deklariert. Für den wiederum gelten aber strenge Regelungen.

Seegras wächst auf Unterwasserwiesen am Meeresboden und ist kostbar für das Ökosystem der Meere und für das Klima. Wenn das Gras abblüht, wird es als Treibsel an Land gespült. Dann wird es aus dem Ufergewässer und vom Küstenstreifen eingesammelt und auf Wiesen verteilt. Dort wird es vom Wind und von der Sonne getrocknet. Das Abwaschen von Salz, Sand und Planktonresten erledigt der Regen. Anschließend wird es genau wie Heu und Stroh zu Rundballen gepresst und an die Baustellen ausgeliefert. Ein Rundballen von etwa 200 Kilogramm Seegras verkaufen Streich und Hartje für 400 Euro plus Steuern und Transport. Das reicht bei einer Dämmstärke von 20 Zentimetern für 25 Quadratmeter.

Nachhaltig und mit feiner Duftnote.

Der natürliche Baustoff hat einige gute Eigenschaften: Er ist schwer entflammbar, bietet ohne Zusätze eine gute Wärmedämmung, ist gegen Schimmel und Ungeziefer resistent und verrottet wegen des hohen Salzgehaltes nicht. Die Ökofasern bieten durch ihren hohen Silikatgehalt auch einen Feuchteschutz. Zudem sind die getrockneten Gräser federleicht und lassen sich beispielsweise auch für vorgefertigte Wandmodule von Fertighäusern verwenden. Streich und Hartje würden auch gern eine Fertighausbaufirma finden, die serienweise Seegrasdämmung anbietet.

Zudem ist es nachhaltig: Das vom Seegras gefilterte Kohlendioxid bleibt nach dem Absterben der Pflanze gespeichert und wird so dauerhaft gebunden. „Viele Leute haben Sorge, dass es muffelt“, sagt Streich, „so, wie wenn es nass am Strand herumliegt.“ Ist es aber getrocknet und gesäubert, sei Seegras fast geruchsneutral. „Es riecht ein wenig wie Heu“, sagt Streich – und sie muss es wissen, schließlich wurde ihr eigenes Haus auch damit gedämmt.

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Fakten zum Seegras

Seegras kann überall dort als Dämmstoff verwendet werden, wo es nicht in direktem Kontakt mit Wasser und feuchter Erde steht. Es kann sowohl für die Dämmung von Fassaden, Hauswänden und Innenwänden als auch für obere Geschossdecken und für Dachschrägen verwendet werden. Streich und Hartje empfehlen einen diffusionsoffenen Wand-, Decken- oder Bodenaufbau, weil so die Vorzüge von Seegras voll ausgeschöpft werden. Denn Seegras kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben. Außerdem besteht weniger Gefahr der Durchfeuchtung, weil sowohl Feuchtigkeit aus der Raumluft nach außen abgeführt wird als auch von außen eindringende Feuchtigkeit wieder austrocknet.

Der Lambda-Wert der Wärmeleitfähigkeit liegt bei 0,043–0,045. Die Brandklasse ist B2. Die Vorgaben der Wärmeschutzverordnung erreicht man mit einer 20-Zentimeter-Schicht Seegras, den Passivhausstandard mit 30 Zentimetern. Seegras als loses Stopfmaterial kostet zwei Euro pro Kilogramm plus Mehrwertsteuer und Transportkosten. Ein Quadratmeter gedämmte Fläche bei einer Dämmstärke von 20 Zentimetern kostet ungefähr 16 Euro. Für einen Kubikmeter Dämmung werden etwa 40 Kilogramm Seegras benötigt, das ergibt einen Preis von 80 Euro. Ein Rundballen mit 200 Kilogramm Seegras kostet 400 Euro (plus MwSt.). 200 Kilogramm Seegras reichen bei einer Dämmstärke von 20 Zentimetern für 25 Quadratmeter.

Die Zahlen entsprechen den Angaben der Seegrashändler:innen, weitere Infos unter:
www.seegrashandel.de