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Für einen generellen Dauerwaldvertrag!

Hanns Zischler lebt seit vielen Jahren in Berlin und erkundet die Stadt bis heute vor allem zu Fuß. Er hat uns seine Gedanken zu einem zeitgemäßen Verhältnis zwischen Stadt und Land – am Beispiel seiner Wahlheimat Berlin – mitgeteilt.


Im Rückspiegel I – 
Verdichtung per Autobahnanbindung.

Es gehörte zum Mantra einer vorwärtspreschenden bundesrepublikanischen Verkehrspolitik der 50er und 60er Jahre, dass die ländlichen Gebiete und vor allem die kleineren Städte nicht benachteiligt werden dürfen, weil sonst ein soziogeografisches Gefälle drohe – mit unabsehbaren Folgen. Die Konsequenz war die sogenannte 50er-Regel, die besagte, dass Städte mit mindestens 50.000 Einwohnern nicht mehr als 50 Kilometer von der nächsten Autobahnzufahrt entfernt sein durften. Diese 50er-Regel sollte im Zuge der steigenden Mobilität durch eine geradezu fantastisch anmutende 25er-Regel verdichtet werden. Wie sich an diesem und dem folgenden Beispiel zeigt, sind es grundsätzliche, weil unprognostizierbare Entwicklungen der sogenannten Bedarfsplanung, die hier deutlich werden.



Im Rückspiegel II – 
geplante und ungeplante Landflucht.

Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zirkulierte in der Verwaltung der  bayerischen Strukturplanung ein hochvertrauliches Papier, das einem glaubwürdigen Gerücht zufolge „die innere Evakuierung Bayerns“ zum Gegenstand hatte. Den Planern war aufgefallen und in unabweisbaren Zahlen bestätigt worden, dass die werktäglichen Pendelbewegungen von ländlichen Gebieten zu den Industriestandorten nicht  nur immer mehr wurden, sondern immer häufiger sich auf die 100-km-Grenze für Hin- und Rückweg zubewegten. Die damals bereits erkennbaren Folgen waren neben einer massiven familialen wie sozialen Verödung vieler Ortschaften ein steigender Energieverbrauch, der „steuerlich“ zwar noch durch die Kilometerpauschale aufgefangen, aber eben nicht mehr sinnvoll gesteuert werden konnte.


Anders als die in den südeuropäischen Ländern quasi unregulierte, von schierer Armut getriebene Landflucht, hatte die bayerische Verwaltung eine gezielte Entkernung, also die „innere Evakuierung“, ins Auge gefasst. Mit anderen Worten: die Preisgabe ganzer Dörfer und ihre Rückverwandlung in „Wüstungen“ sowie die Umsiedlung der Bevölkerung in stadt- beziehungsweise industrienahe Bereiche. Bezeichnender- oder – besser gesagt – groteskerweise hatte die DDR bereits seit dem Mauerbau (1961) begonnen, eine Reihe von Dörfern am östlichen „Zonenrandgebiet“ zwangsweise zu entvölkern und zu „verwüsten“. Ein militärtechnischer Prozess, dessen Ziel die „Schuss- und Aufmarschfreiheit“ Richtung Westen war. Dieser in der neueren Geschichte ziemlich einmalige Vorgang der Selbstentleibung eines Landes wird in dem deprimierend realistischen Katalogbuch „Wüstungen“, hg. v. Heinlein/Gnaudschun (Berlin 2017), zum ersten Mal dokumentiert. 

Was rückblickend wie ein bloßes Gedankenspiel von besorgten Planern anmutet, war damals, als das „Zonenrandgebiet“ ein hochsubventionierter riesiger Landschaftsstreifen war, zu einem ernsten Problem geworden. Einen Plan B gab es nicht – er trat gewissermaßen von selbst auf den Plan: die Wiedervereinigung. Damit waren fürs Erste und für die folgenden Jahrzehnte die geheimen Sorgen der (bayerischen) Planer vom Tisch. Die Landflucht verlagerte sich jetzt nach Osten, vor allem nach Nordosten, in die blüten- und seenreichen Landschaften Mecklenburg-Vorpommerns. 


Berlins Aufschwung zur Metropole.


Mit der Wiedervereinigung, die geografisch und verwaltungsmäßig tasächlich nur in dem Bundesland Berlin vollzogen wurde, veränderte sich das Stadt-Land-Verhältnis in relativ kurzer Zeit auf dramatische Weise. Es war nicht nur die schon erwähnte Verlagerung der Landflucht in das Gebiet zwischen Elbe und Oder, sondern das zweigeteilte Berlin selbst wurde aus einem Dornröschenschlaf geweckt. Es sollte wieder wie schon 1925 „Groß-Berlin“ werden. War der westliche Teil durch einen offenbar für unversiegbar gehaltenen Geld- und Materialstrom an die Herz-Lungen-Maschine Bonns angeschlossen, so war der östliche Teil zu einer die Ressourcen der DDR verschlingenden „Hauptstadt“ mutiert. Bereits der maßstabsetzende und städtebaulich kühne Bau der Stalin-Allee durch Henselmann Ende der 50er Jahre brachte die DDR-Wirtschaft an den Rand des Ruins, wovon sie sich zeitlebens nicht mehr erholen sollte. Mit dem Wandel von der „Hauptstadt“ zur „Metropole“ ging dann eine schon in den 70er Jahren einsetzende Deindustrialisierung Berlins einher, die auch durch die Wiedervereinigung nicht aufgehalten wurde. Was vielen heute dabei nicht mehr bewusst ist: Bis etwa 1971, dies zur Erinnerung, war Berlin nicht nur rein rechnerisch noch die größte deutsche Industriestadt. 

Was seit den 90er Jahren bis heute auffällt und offenkundig für selbstverständlich gehalten wird, ist das, was ich den Berliner Solipsismus nennen möchte. Die Stadt ist in einer Weise selbstbezogen, als gäbe es kein osmotisches, sondern allenfalls konsumistisches Verhältnis zum umgebenden Land. Mit der politisch ungeschickt inszenierten und blauäugig betriebenen Initiative einer Nach-Wiedervereinigung Berlins mit Brandenburg 1995 wurde eine eigentlich wünschenswerte Verwaltungslösung für lange Zeit ausgesetzt.

Dieser Vertrag macht sichtbar, was das Wesen, den Körper dieser Stadt kennzeichnet: Es ist eine polyzentrische Anlage, in der man anders als in vielen anderen Städten vergeblich nach einem (einzigen) Zentrum sucht. Die „Mitte“ ist nur ein Areal, nicht aber das Zentrum. Und seltsamerweise ist es genau diese polyzentrische Anlage, die das Konzept für einen sehr viel weitergehenden Entwurf in sich trägt – gewissermaßen einen sehr viel weiter gefassten, generellen Dauerwaldvertrag. 1993, als Berlin im Strohfeuer einer fragilen Euphorie vor lauter Kraft kaum mehr gehen konnte und über Berlin hinaus gar nicht denken wollte, entwickelte der Städteplaner Christoph Stroschein zusammen mit dem italienischen Büro Gregotti Associati Int. einen landschafts- und städteübergreifenden Plan für einen dritten Eisenbahnring, demzufolge die Städte in einem Umkreis von circa 100 Kilometern an Berlin gebunden würden. Und der Berlin selbst aus seiner störrischen und eingebildeten Stadtverharrung lösen könnte. Die Grundform dieses polyzentrischen Großgebildes ist bereits in den im 19. Jahrhundert geschaffenen Kopfbahnhöfen entwickelt worden, nur dass jetzt beziehungsweise künftig der Fluss zwischen Berlin und den einzelnen Städten durchlässiger gestaltet wäre und die kleineren Städte auch untereinander zum ersten Mal gut verbunden wären. Dass das zwischen Sand und Sumpf, also landschaftlich verwöhnte Berlin immer noch sehr viel Baufläche für eine gesunde Verdichtung besitzt, ohne den Dauerwald anzutasten, sei hier nur am Rande erwähnt. Allein ein Viertel des Tempelhofer Felds würde die große Stadtlücke schließen helfen, die 1936 durch den Faustschlag des NS-Architekten Sagebiel in den Stadtkörper gerissen wurde.  


Der dritte Ring.


Woran es Berlin mangelt, ist ein dynamisches, auf Gegenseitigkeit gegründetes Verhältnis zu den im weiten nördlichen Halbkreis vorgelagerten Städten Frankfurt (Oder), Cottbus, Templin, Neuruppin und  Brandenburg. Sie sind aufgrund der historischen Entwicklung und der hydrogeografischen Besonderheit der Landschaft im Urstromtal ausschließlich auf Berlin bezogen. Eine besondere Rolle spielt dabei eine Art geografische „Illusion“, wonach Berlin sich als ein von Seen, Flüssen und Wäldern verwöhntes Gebilde begreift und damit einen Blick in die weitere Runde für überflüssig hält. Als habe man Stadt und Land schon auf sich vereinigt. Tatsächlich war es der umweltpolitisch kühne Dauerwaldvertrag von 1915, bei dem der Senat von Berlin dem preußischen Staat in langen, zähen Verhandlungen einen unveräußerbaren Bestand an Wäldern und Seen abkaufte und in einen großzügig konzipierten Stadtentwicklungsplan integrierte. Es wurden mit diesem Vertrag, der für die 50 Jahre währende Entstehung von Groß-Berlin eine unverzichtbare Garantie bildete, die Interessen sowohl der erholungsbedürftigen Einwohner als auch der Stadt- und Verkehrsplaner und  der Investoren auf ungewöhnlich kluge Weise ausbalanciert, bis heute. 


PS: Den Gürtel weiter schnallen!


Die Banlieue von Paris ist auch deshalb zu einem Schreckgespenst der Stadtplanung geworden, weil eine großräumige Entlastung viel zu spät ins Auge gefasst wurde, da alles sich auf das innere Paris konzentrierte. Die mittlerweile gigantischen Pläne für das Très Grand Paris sind noch zu vage, als dass man an eine wirkliche Entlastung der Stadt glauben könnte. Wenn Berlin es schafft, den Dauerwald, den es in seinem Innern als ein unverzichtbares Gut beherbergt und der für das städtische Leben sichtbar von dem S-Bahn-Gürtel, dem sogenannten Hundekopf, zusammengefasst wird, auf die gesamte Seen- und Waldlandschaft im weiten Umkreis auszuweiten, könnte ein großer Wurf gelingen. Wir müssen den Gürtel nur weiter schnallen.


Über den Autor. 

Man kennt ihn vor allem aus Film und Fernsehen: Hanns Zischler spielte in deutschen und internationalen Filmen und Fernsehproduktionen mit. Claude Chabrol engagierte ihn und auch Steven Spielberg besetzte ihn in "Munich" ("München", US 2005) als Mossad-Killer. Aber Hanns Zischler ist mehr als das. Als Autor verfasste er zahlreiche literarische Essays und eine Reihe von Büchern über Franz Kafka und Berlin sowie Essays rund um das Berliner Naturkundemuseum. In diesem Jahr veröffentlichte er seinen ersten Roman: „Der zerrissene Brief“. Hanns Zischler begreift sich selbst als „unabhängigen Forscher“. Für ihn wird es dort spannend, wo der Drehort aufhört, Drehort zu sein – denn er bringt eine natürliche Neugier für Stadt und Land mit.