Quelle: picture-alliance/ZB/Robert Schlesinger

Traumberuf.

Von meiner Arbeit als Weihnachtsmann.

Es ist ein sehr verlockender Job: Der Weihnachtsmann arbeitet nur an einem Tag im Jahr, an Weihnachten bringt er die Geschenke. Den Rest des Jahres bauen seine Wichtel das Spielzeug und er ruht sich aus. Das weiß doch jedes Kind. Oder ist es vielleicht doch etwas anders?

Seit mehr als 35 Jahren arbeite ich als Weihnachtsmann und meine Arbeit dafür beginnt jedes Jahr spätestens im Oktober. Mit den ersten Lebkuchen in den Geschäften fangen Eltern und Firmen an, sich Gedanken über die Gestaltung des Weihnachtsfestes zu machen. Und so schreibe ich im Oktober all meinen Stammfamilien einen lieben Gruß und frage, ob sie Weihnachten schon etwas vorhaben oder ob ich wieder mit Geschenken vorbeikommen könnte. Die wenigen noch übrigen freien Termine werden mit Anfragen über meine Homepage gefüllt. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit. Ende November geht es los mit den Bescherungen in den Firmen, in Institutionen, auf Weihnachtsmärkten, in Altenheimen und Kitas. Der Tag beginnt bei mir dann manchmal morgens um 07:00 Uhr und endet oft erst gegen 22:00 Uhr, gelegentlich auch etwas später.

Mit kleinen Tricks im Kaufhaus.

Ich führe drei verschiedene Arten von Bescherungen durch und jede muss anders vorbereitet werden. Am einfachsten sind Weihnachtsmärkte und Werbeaktionen, zum Beispiel in Kaufhäusern und Einkaufszentren. Zur Vorbereitung führe ich Gespräche mit den Auftraggebern. Wir klären dabei, in welchen Bereichen ich mich bewege, wer die Zielgruppen sind, was verteilt werden soll und ob es eine bestimmte Zielsetzung in der Ansprache gibt. Ich muss bei solchen Veranstaltungen nur für ausreichend Reserve-Süßigkeiten sorgen, falls dem Veranstalter die Geschenke oder Giveaways ausgehen. Denn ein Weihnachtsmann ohne Geschenke – das geht gar nicht! Mein Markenzeichen ist ein Säckchen mit Goldtalern, das ich immer dabei habe. 

Ich bemühe mich, auch diesen Veranstaltungen einen persönlichen Touch zu geben. Hierfür setze ich die Technik des „Cold Readings“ ein, die auch von Magier:innen angewendet wird. Ich frage die Kinder zum Beispiel, ob sie dieses Jahr den Weihnachtsbaum auch wieder so schön schmücken werden wie im vergangenen Jahr. Da die meisten Familien einen geschmückten Weihnachtsbaum haben, erweckt es den Eindruck, als wäre ich vergangenes Jahr auch dabei gewesen und hätte ihn gesehen. Wichtig ist, dass ich mir die Menschen genau anschaue, die zu mir kommen, um mit ihnen schnell eine persönliche Beziehung aufzubauen. Zum Beispiel: „Deine Krawatte steht dir sehr gut, die kenn ich ja noch gar nicht. Eigentlich wollte ich dir ja so eine zu Weihnachten schenken ...“

Die persönliche Note machts.

Für die Bescherungen in Firmen, Kindergärten und Altenheimen braucht man schon etwas mehr Vorbereitung. Wenn die Gruppe aus höchstens 20 Personen besteht, stelle ich eine Liste mit Namen zusammen, meist versehen mit einer persönlichen Information zu der Person, beispielsweise dem Namen des Haustieres, des Kuscheltiers oder wohin sie im letzten Urlaub gereist ist. Mit ein paar Stichworten bereite ich eine kleine Story für die Bescherung vor, die lustig, überraschend oder aufregend ist. So komme ich mit den Bescherten für ein bis zwei Minuten ins Gespräch, bevor ich ihnen das Geschenk übergebe. Dabei achte ich immer besonders darauf, dass ich niemanden in eine peinliche oder unangenehme Situation bringe. 

Wenn die Gruppe aus mehr als 20 Personen besteht, beschere ich sie in kleinen Untergrüppchen. Normalerweise frage ich die zu Beschenkenden nach einem kleinen Gedicht oder einem Lied. Und wenn das nicht klappt, reicht mir auch schon ein Lächeln. Dabei baue ich auch immer eine lustige Überraschung ein. So bitte ich zum Beispiel die Gruppe, das Gedicht „Advent, Advent“ aufzusagen, allerdings soll jede Person nur ein Wort davon sagen. Das ist nicht immer einfach, aber immer amüsant.

Ich kenne alle und alle kennen mich.

Und zum Schluss kommt die Königsdisziplin: die Weihnachtsbescherung am Heiligabend. Hier ist der Aufwand am größten. Zunächst einmal muss ich für den 24. Dezember die beste Route festlegen. Alle Familien möchten natürlich am liebsten zwischen 16:00 und 17:00 Uhr beschert werden, aber ich besuche sechs bis sieben Familien an dem Tag und bleibe jeweils etwa 45 Minuten. Deshalb muss ich vorab lange verhandeln, bis ich alle unter einen Hut gebracht habe und die Strecke feststeht. Die Routenplanung kann schon einmal eine Woche dauern. Am Heiligabend bin ich dann von 13:00 bis 20:00 Uhr unterwegs. Hinzu kommt, dass ich im Vorfeld mit einem Elternteil jeder Familie etwa eine bis eineinhalb Stunden telefoniere, um möglichst viel über das Kind und die Anwesenden zu erfahren. Dazu gehören natürlich auch die Haustiere, für die ich ebenfalls ein Leckerli mitbringe. Diese Telefongespräche sind bei den Eltern immer sehr beliebt, da ihnen dabei oft erst richtig bewusst wird, was für schöne Dinge sie in dem Jahr erlebt haben und was für wunderbare Kinder sie haben.

Nach den Telefongesprächen, für die ich meist eine Woche bis zehn Tage benötige, schreibe ich mir Stichworte und kleine Regieanweisungen in das goldene Buch, um die Bescherung für die Kinder und die Familien über 45 Minuten nicht langweilig werden zu lassen. Das goldene Buch ist speziell präpariert, die Seiten lassen sich austauschen und so kann ich je nach Situation auch mal spontan kleine Programmänderungen vornehmen. Neben den individuellen Familieninformationen sind in dem Buch auch Geschichten, Gedichte und Liedtexte zum Verteilen, wenn die Familie nicht ganz textsicher ist. Dafür wiegt das goldene Buch auch stolze vier Kilogramm.

Wichtig bei einem Weihnachtsmann ist, dass er zur Familie gehört und sich auch so verhalten sollte. Natürlich duzt man sich, als Weihnachtsmann kennt man alle und alle kennen mich. Es ist also unnötig zu fragen, ob die Kinder wissen, wer man ist. Deshalb verhalte ich mich als Weihnachtsmann auch so, als hätte ich zu jedem Kind ein persönliches Verhältnis.

Reichtum ist mehr als monetärer Erfolg.

Wenn man sich nun fragt: Lohnt sich die ganze Arbeit? So kann ich das nur mit einem klaren „Ja“ beantworten. Da ich neben den vielen bezahlten Bescherungen auch genauso viele Bescherungen in sozialen Einrichtungen und bei bedürftigen Menschen zelebriere, werde ich überschüttet mit wunderbaren Erlebnissen, Dankbarkeit und Freude. Hier bekomme ich Unterstützung von der Berliner Tafel, der Kältehilfe, den Bahnhofsmissionen, der Jenny De la Torre Stiftung und vielen weiteren Hilfsorganisationen, bei denen ich Bescherungen durchführen darf.

Denjenigen, die es sich leisten können, mich zu engagieren und dafür gern ein hohes Honorar zahlen, danke ich herzlich mit einer wunderschönen Bescherung und teile ihnen mit, das Wissen, dass sie damit auch gleichzeitig weitere Bescherungen und Geschenke bei Bedürftigen finanzieren, die sie sich sonst nicht leisten könnten und die überglücklich sind, wenn ich in der Weihnachtszeit mit Geschenken auftauche und ihnen ein wunderschönes Weihnachtsfest beschere. 

Wenn man nun aber den Reichtum nur am monetären Erfolg misst, so wird man nicht reich. Misst man Reichtum jedoch an der Freude, die man verschenkt und die man auch selbst wiederbekommt, so würde ich in der Weltrangliste der reichsten Freudenmilliardäre mit Sicherheit einen der ersten Plätze einnehmen. Deshalb ist Weihnachtsmann einer der schönsten Berufe, die man haben kann. Wer jemals in die leuchtenden Augen der überglücklichen Kinder und Erwachsenen geblickt hat, wird verstehen, wovon ich rede.

Quelle: picture-alliance/ZB/Robert Schlesinger

Zur Person.

Hu-Ping Chen ist hierzulande wohl einer der erfahrensten Weihnachtsmänner. Der 67-jährige Berliner beschert seit mehr als 35 Jahren jedes Jahr in der Weihnachtszeit unzählige Menschen. Er besucht Kinder, Geflüchtete, Obdachlose, Bundestagsabgeordnete, Manager:innen, Familien und Senior:innen, ist auf Weihnachtsmärkten und im Fernsehen zu sehen und begleitet jährlich die Christmas Bike Tour als Weihnachtsmann durch Berlin. 

Geboren ist Hu-Ping Chen in Berlin, wo er in einfachen Verhältnissen in Kreuzberg aufwuchs. Seine Eltern waren aus China nach Deutschland gekommen. Nach dem Abitur studierte er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, arbeitete als Fotograf, Kameramann, gründete eine eigene Werbeagentur und war nach seinem dritten Studium als wissenschaftlicher Mitarbeiter an Universitäten tätig.

Bereits als Student zog er sich in der Weihnachtszeit den roten Mantel über und klebte sich einen Bart an. Jahrelang koordinierte er dann die Weihnachtsmänner und Weihnachtsfrauen des Berliner Studentenwerks, bis er schließlich seine eigene Weihnachtsmann-Firma gründete (www.weih-nachtsmann-berlin.de). Die Einnahmen, die er bei seinen Auftritten bei Firmen, im Bundestag, auf Weihnachtsmärkten und bei Privatfamilien erhält, spendet er fast vollständig für soziale Projekte. Einen Bart muss Hu-Ping Chen sich heute nicht mehr ankleben, der ist längst echt.

An Weihnachten im TV.

Am 24. Dezember wird Hu-Ping Chen jedes Jahr auch von einem Filmteam der TV-Sender N24 beziehungsweise Welt, Sat.1 und ProSieben begleitet. Sie filmen ihn beim Besuch und während der Bescherung einer Familie, die in finanziell schwierigen Verhältnissen lebt. Von seinem Honorar für die Filmaufnahmen kauft Chen die Geschenke für diese Familie. Die Filmaufnahmen werden dann im Laufe des Tages in verschiedenen Nachrichten- und Magazinsendungen gezeigt. Wenn Sie an den Weihnachtstagen den Fernseher einschalten, könnte es also sein, dass Sie Hu-Ping Chen bei einer Bescherung begleiten können.