Quelle: Hellmann Worldwide Logistics

Wie schnell muss eine Spedition sein?

Gedanken eines CDOs zum Thema Geschwindigkeit.

Ein Sklave der Geschwindigkeit? In Immobilien-Assetklassen gedacht würde man der Logistik wohl am ehesten dieses Attribut zuschreiben. Die Ware muss von A nach B – und das möglichst schnell. Schublade auf, Zeit ist Geld, Schublade zu. Aber geht es in der Logistik wirklich nur darum, auf der Straße das Gaspedal durchzudrücken?

Wir haben bei Hellmann Worldwide Logistics nachgefragt und wurden mit offenen Armen empfangen – zu unserer Verwunderung von Stefan Borggreve, Chief Digital Officer (kurz: CDO). Uns stand also ein Digitalisierungs-Experte Rede und Antwort. Spricht schon einmal dafür, dass Geschwindigkeit für das Unternehmen viel mehr ist als nur ein Synonym für schnellen Transport. Gemeinsam haben wir verschiedene Themenbereiche durchstreift, die sich außerhalb der Straße befinden und in denen das Verhältnis von zurückgelegter Strecke und Zeit auf eine ganz andere Art und Weise eine wichtige Rolle spielt.

Bessere Prozesse und der Faktor Mensch.

Die Logistikbranche ist dafür bekannt, dass sie mit kleinen Gewinn-Margen zu kämpfen hat. Gute Ergebnisse werden häufig über große Massen erzielt. Das heißt aber nicht, dass Stellschrauben gar nicht vorhanden sind. Und Hellmann ist gerade dabei, an ebendiesen Stellschrauben zu drehen. Ins Leben gerufen wurde eine Strategie, die die EBIT-Marge bis 2025 von den aktuellen rund 2,5 Prozent auf vier Prozent anheben soll. Unser Gesprächspartner Stefan Borggreve erklärt, was das mit Geschwindigkeit zu tun hat: „Als Global Player machen wir sehr guten Umsatz. Den Gewinn, den wir daraus generieren, können wir im Zeitalter der Digitalisierung jedoch steigern. Das lässt eine ganz einfache Schlussfolgerung zu: Wir müssen unsere operativen Prozesse  verbessern und den Kunden einen echten Mehrwert bieten. Und werden wir effizienter, werden wir auch schneller“, ordnet er ein und betont: „Das geht aber nicht von heute auf morgen, sondern nur Schritt für Schritt. Wir sprechen hier von einer erheblichen Ergebnisverbesserung und damit auch von einem echten Change-Prozess.“ Allein das Ausarbeiten der kompletten gemeinsamen Vision im Führungsteam habe schon viel Zeit in Anspruch genommen.

Ein wichtiger Bestandteil im Transformationsprozess des Spediteurs: neue IT-Systeme. „Bei uns sind in so gut wie in jedem Auftrag verschiedene Produktbereiche aus verschiedenen Ländern beteiligt. Die Anzahl an Kombinationsmöglichkeiten ist riesig.“ Im Umkehrschluss hieße das, dass es enorm viele und unterschiedliche Schnittstellen, verschiedenste Perspektiven und noch mehr Datensilos gebe. Das alles zusammenzubringen, erfordere Geduld und Ausdauer. „Ich kenne natürlich die allgemein verbreitete Angst, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze vernichtet. Aber ich bin von dem Gegenteil überzeugt: Die Digitalisierung stellt den Menschen wieder in den Vordergrund des Handelns. Die Zeit des einfachen Abarbeitens von Bereich zu Bereich ist vorbei. Es sind die kreativen Lösungen und das Verständnis von komplexen Zusammenhängen über Bereichs- und Firmengrenzen hinweg, die den Unterschied machen. Der technologische Fortschritt schafft hierbei in einer rasanten Geschwindigkeit viele neue Möglichkeiten, doch nur der Mensch kann am Ende die Lösungen durch innovatives Denken und Handeln herbeiführen“, erklärt der CDO. „Gerade in der aktuellen Corona-Zeit, in der alle verunsichert sind, Verträge plötzlich wieder auf dem Prüfstand stehen und Produktionen teilweise binnen Stunden heruntergefahren werden. Nur wenn wir es schaffen, unsere Teams abzuholen und mit in die neue Arbeitswelt zu nehmen, werden wir effizienter und somit auch schneller.“ 

Die Datenqualität kann den Unterschied machen.

Prozesse stehen in einem Unternehmen aber natürlich nie für sich. Und auch bei Hellmann liegt der Fokus nicht allein auf der Prozessverbesserung. Ebenso wichtig ist eine hohe Qualität der Daten und ihrer Struktur. Und zwar deshalb, weil auch aus dieser Qualität heraus Geschwindigkeit entsteht. Warum? Das beantwortet uns Stefan Borggreve: „Natürlich müssen wir schnelle Transporte sicherstellen, aber um eines einmal klarzustellen: Wir sind kein Anbieter, der nur über das Ausführen des Transports kommt. Die sogenannte Customer Experience, also die Summe aller Interaktionen zwischen einem Kunden und uns, ist von viel größerer Bedeutung.Von der Aufgabe eines Auftrages über das Tracking in der Abwicklungsphase und das Einsehen von Rechnungen bis hin zur Ausarbeitung von Sondervorschlägen muss bei dem Kunden das Gefühl entstehen, ‚hier komme ich immer sofort weiter‘. Diese Art von Geschwindigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Kunde gar nicht erst Gedanken darüber machen muss, wie viel Zeit er gerade aufwendet. Wir haben dann alles richtig gemacht, wenn der Kunde immer genau die Auswahlmöglichkeiten vorfindet, die er gerade braucht, und in Echtzeit volle Transparenz über seine Transporte hat.“ Und das auf dem Meer, der Straße oder in der Luft.

B2C-Lösungen wie Amazon und Co. zeigen, wie es geht. Im Hintergrund sind die Daten so sauber gepflegt und logisch miteinander verknüpft, dass der Nutzer ad hoc alle Infos erhält, die für ihn gerade relevant sind. Er muss weder suchen noch großartig filtern. Ihm wird es so leicht wie möglich gemacht. „Der Kunde hat seine Erfahrungen mit den B2C-Lösungen gemacht und daran müssen wir uns jetzt messen lassen. Und für mich als Digitalisierungs-Beauftragten ist das tatsächlich sogar ein Segen.“ Die Logistik sei mit ihrer globalen und trotzdem sehr kleinteiligen Struktur zwar prinzipiell kein Geschäftsfeld für Disruption, aber Borggreve nimmt eine schleichende Revolution wahr. Und die mache Tag für Tag mehr möglich.

Jederzeit verfügbar – in Echtzeit.

Was wäre aber eine hohe Datenqualität ohne die entsprechende Verfügbarkeit? „Nehmen wir zum Beispiel Airbnb – da habe ich mir als privater Endnutzer mit drei Klicks die Unterkunft in Stockholm gemietet“, erklärt Borggreve. „Das ist mit unseren Abläufen zwar nicht vergleichbar, weil bei unseren Verträgen eher sechs oder sieben ‚Vermieter‘ im Spiel sind. Das zählt für den Kunden aber nicht. Aus seiner Sicht geht es um einen Auftrag und nicht um sechs oder sieben. Die Dinge im Hintergrund – sind sie auch noch so komplex – müssen wir im Griff haben.“ Und sind diese Themengeregelt, brauche es passende Schnittstellen für den Kunden, über die er jederzeit alles einsehen kann. Genauso wie er die Website von Airbnb im Handumdrehen geöffnet hat, dürfe die Hellmann-Lösung auch nur wenige Klicks entfernt sein.„Daten müssen immer in Echtzeit verfügbar sein. In manchen Produktionen sind wir so fest im Ablauf verankert, dass es bei unseren Lieferungen um Stunden oder sogar Minuten geht.“ Auch wenn eine Ware innerhalb der Lieferkette mehrfach übergeben wird, ist bei Hellmann sichergestellt, dass jederzeit digital abrufbar ist, wo sich die Ware gerade befindet .

Auf Basis dessen könnten dann Produktionsprozesse gesteuert werden. Zum Beispiel könne ein Geofence so programmiert sein, dass im zu beliefernden Unternehmen automatisch der erste Produktionsschritt ausgelöst wird, sobald der LKW in Hamburg einfährt. „Mit unserem Anspruch an Datenqualität und -verfügbarkeit schaffen wir die Basis für das Zukunftsthema der Künstlichen Intelligenz. Es gibt viele spannendeStart-ups aus diesem Bereich, mit denen wir Partnerschaften bereits eingegangen sind oder noch eingehen möchten.“ Aber Borggreve betont auch: „Wir können und wollen die Digitalisierung natürlich trotzdem nicht outsourcen. Spezialisten aus einzelnen Fachgebieten holen wir uns gerne von außen dazu, alles Weitere muss aber nah an unserem Kerngeschäft passieren. Indem wir bereichsübergreifend zusammenarbeiten, wollen wir zwei Dinge schaffen. Zum einen dürfen die neuen technischen Lösungen nicht an dem realistischen Bedarf vorbei entwickelt werden. Zum anderen sollen die digitale Kultur und die Neugier auf die sich ergebenden Chancen auf das komplette Unternehmen überschwappen.“

Die Luftfracht-Spezialisten von Hellmann sind auf allen fünf Kontinenten vertreten und kontrollieren Flugverbindungen, Frachtkonsolidierungen sowie Door-to-Door-Transporte und Express-Lieferungen.

Gute Fehler sind schnelle Fehler.

Innovation entsteht somit im Unternehmen selbst. Und auch da kommt es auf das Tempo an, gibt der CDO einen weiteren Einblick: „Ich bin davon überzeugt, dass Fehler die Währung der Digitalisierung sind. Wer nur den sicheren Weg bestreitet und nie ins Risiko geht, der kommt auch nicht voran. Wer erfolgreich sein will, muss auch Fehler machen. Der Trick ist, diese so schnell wie möglich zu machen.“ Es gebe durchdigitalisierte Kunden, die den Spediteur bei der Entwicklung neuer technischer Themen trieben. Ebenso gebe es Kunden, die von Hellmann mitgezogen werden. In allen Fällen gehe es darum, Innovationskapital dafür bereitzustellen, möglichst schnell aus einer Idee einen Prototyp zu machen. Dieser müsse keineswegs fertig, aber zumindest anfassbar sein. Der Kunde könne dann meist in wenigen Minuten sagen, ob ihn die Innovation voranbringt oder nicht. „In der deutschen Gesellschaft ist eine solche Fehlerkultur leider nicht vorgesehen, auch bei uns im Unternehmen ist deshalb noch ein Weg zu gehen. Innovation bedeutet eben auch, Dinge auszuprobieren, ohne immer direkt einen Business Case entgegensetzen zu können. Sie sind zwingend notwendig, um am Markt relevant zu bleiben und die Kundenbedürfnisse der Zukunft zu erfüllen. Aber da schließt sich ja der Kreis: Wir stecken wieder mitten in unserem Change-Prozess, für den es Ausdauer und Zeit braucht.“

Ein spannender Einblick in die Welt des Spediteurs. Und der zeigt vor allem eines: Die Branche ist viel facettenreicher, als man es vielleicht auf den ersten Blick vermutet. Logistik findet längst nicht mehr einfach auf der Straße statt. Und Tempo wird auch an ganz anderen Stellen erzeugt.

Eine Logistikimmobilie für Hellmann Worldwide Logistics.

LIST Bau Bielefeld wurde von dem Full-Service-Entwickler für Logistik- und Industrieimmobilien Panattoni Europe mit dem schlüsselfertigen Neubau eines gut 20.000 qm großen Logistikzentrums in Wörrstadt in Rheinland-Pfalz beauftragt. Abgestimmt ist das Objekt auf die zukünftigen Nutzungszwecke des Mieters Hellmann Worldwide Logistics. Es umfasst eine Lager- und Technikfläche von rund 18.000 qm. Zudem entstehen im Logistikzentrum weitere Büro- (ca. 770 qm) und Mezzanineflächen (ca. 1.540 qm). Für das Dachtragwerk wird bei diesem Bauvorhaben auf den alternativen Baustoff Holz gesetzt. 

Seitdem LIST Bau Bielefeld die Baustelle im Juli übernommen hat, hat sich bereits einiges getan. Heute – rund fünf Monate nach Baubeginn – ist die Halle dicht und die Sohle wird zurzeit gegossen. Nach dem Jahreswechsel stehen die Feinmontage der TGA-Gewerke und der Büroausbau auf dem Terminplan. Die Fertigstellung des Logistikzentrums ist für den März 2021 geplant.

Quelle: Hellmann Worldwide Logistics

Zur Person

Über Stefan Borggreve.

Stefan Borggreve war nach seinem Studium im Bereich Information Systems in diversen Fach- und Führungspositionen beim global agierenden Logistikdienstleister Hellmann Worldwide Logistics innerhalb der IT tätig. Danach folgte ein Wechsel auf die Geschäftsseite, zunächst als Restructuring Manager einer ausländischen Landesorganisation sowie zuletzt als Chief Operating Officer für die Luft- und Seefracht Deutschland. Seit Juli 2019 verantwortet er die Bereiche Innovation und Transformation als Chief Digital Officer und Mitglied des Executive Boards bei Hellmann.