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Teil 1: Stadt der Zukunft –

was sagt die Wissenschaft?

Verwaiste Innenstädte, leerstehende Kaufhäuser, Ladensterben, Online-Handel und dann auch noch Corona – die Zentren der Städte befinden sich in einem radikalen Wandel. Immer mehr Fachleute unter anderem aus Architektur, Stadtplanung, Landschaftsarchitektur, Verkehrswesen und Soziologie beschäftigen sich mit der Frage, wie die Kommunen diesen Veränderungen begegnen können.

Wie sehen lebendige Städte der Zukunft aus? Es gibt nicht die eine Antwort, sondern viele verschiedene Visionen und Lösungsansätze. Die Wissenschaft ist sich aber weitgehend einig darin, dass Dienstleistungen und Konsum nicht mehr ausreichen für eine lebendige Stadt. Sie fordert wieder multifunktionale Stadtzentren. Und die Städte der Zukunft müssen auch grüner werden, sonst können sie den Herausforderungen des Klimawandels nicht trotzen. Zudem muss die Trennung von Arbeit und Wohnen dringend auf den Prüfstand gestellt werden. Aber auch neue Mobilitätskonzepte werden erforscht. Wir zeigen einige wissenschaftliche Ansätze, Studien und innovative Ideen.

Schwebende Alternative für den Verkehr.

Solange das Auto weiterhin die zentrale Rolle bei der Mobilität spielt, bedeutet das auch mehr Staus, Abgase und Lärm in den Städten. Verkehrsforscher:innen zeigen aber längst auch Alternativen auf und einige Städte praktizieren bereist neue Mobilitätsformen. Die Klimakrise hat die Mobilitätswende weg vom Auto unausweichlich gemacht, sagen längst viele Wissenschaftler:innen. 

Entspannt hoch oben dahingleiten, den Trubel der Stadt unter sich lassen, die Aussicht genießen und gelassen ans Ziel kommen. Das sollen beispielsweise Seilbahnen möglich machen. Anhänger:innen loben sie als klimafreundlich, preiswert, schnell realisierbar und zuverlässig. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur will daher die Planungen und den Bau von Seilbahnen voranbringen und hat eine Studie über die stadt- und verkehrs- planerische Integration urbaner Seilbahnprojekte beauftragt. Die Studie untersucht bereits bestehende Seilbahnprojekte im Ausland und analysiert exemplarisch sechs Überflieger-Städte in Deutschland. Im Jahr 2023 soll die Studie abgeschlossen sein und ein Leitfaden dazu vorliegen. In Deutschland prüft beispielsweise die Stadt Bonn die Errichtung einer Seilbahn als öffentliches Verkehrsmittel, um die Verkehrssituation zu entlasten. In Koblenz kann man bereits mit einer Seilbahn vom Stadtkern hinaus über den Rhein zur Festung Ehrenbreitstein hinaufschweben.

Neue Mobilitätskonzepte können sehr viel Raum in den Städten freigeben. Großflächige Bereiche sind bisher in den Städten für das Parken reserviert. Das sind kostbare Ressourcen. Gelingt die Verkehrswende, wird dieser Grund frei und kann für Parks, Grünflächen, Spielplätze oder öffentliche Plätze genutzt werden. Dadurch würde die Belastung durch Verkehrslärm und Abgase deutlich sinken und die Sicherheit insbesondere für Kinder und die Aufenthaltsqualität in der Stadt würden sich erhöhen. Dafür braucht es aber eine mutige und innovative Stadtplanung.

Kreative Umnutzung.

„Welche Grundrisse müssen gedacht werden, um in einem ehemaligen Parkhaus in der Hamburger Innenstadt, das eine Genossenschaft im Erbbaurecht entwickelt, eine gesunde und ökologische Lebensweise zu ermöglichen?“ Dieser und weiteren Fragen widmen sich angehende Architekt:innen an der Bauhaus-Universität in Weimar unter Leitung von Prof. Verena von Beckerath. Mit ihrem Forschungsprojekt begleiten sie einen innovativen Umnutzungsprozess in Hamburg. Dort soll ein achtstöckiges Parkhaus im Herzen der Altstadt, ein alter Koloss aus den 1960er Jahren, neu belebt werden. Statt es Spekulanten zu überlassen, hat sich 2018 eine Genossenschaft gegründet, die plant, das Parkhaus in der Neuen Gröningerstraße in ein Wohngebäude umzubauen. 70 bezahlbare Wohnungen mit Innenhof und Bäumen, Gastronomie, Kleingewerbe und Werkstätten sollen entstehen. Eine Stadt im Kleinen. Ihr Ziel ist es, zu zeigen, dass urbane Lebensqualität mitten in der Stadt möglich ist, für alle Menschen. Ein erstes Bild kann man sich bereits machen: Bei dem Architekturwettbewerb „Gröninger Hof“ gewann der Entwurf des Büros Duplex Architekten. Für den Bau werden etwa 28 Millionen Euro benötigt.

Rückkehr der urbanen Produktion.

Einst waren Städte die Zentren der industriellen Produktion. Im vergangenen Jahrhundert hat sich das produzierende Gewerbe jedoch immer weiter zurückgezogen. Heute beschäftigen sich zahlreiche wissenschaftliche Projekte und Studien mit einer Reurbanisierung der Industrie. So untersucht das Forschungs- und Experimentierprojekt „UrbaneProduktion.ruhr“seit 2016 unter anderem durch die Hochschule Bochum und durch das Institut für Arbeit und Technik (IAT), wo, warum und wie in der Stadt produziert wird. Der breite Zusammenschluss von Wissenschaft, Kommunen und anderen Interessierten geht davon aus, dass sich in einer zukunftsfähigen Stadt auch Raum für gesunde, umweltschonende und sozial gerechte Produktion befindet: für urbane Produktion.

Aktuell liegt der Fokus der Wissenschaftler:innen auf den Fragen, welche Rolle urbane Produktion als Wirtschaftsfaktor spielen kann und wie angestoßene Projekte für andere Kommunen nutzbar gemacht werden können. Gefördert werden sollen vor allem das Handwerk, kleine und mittlere Betriebe, Selbstständige und Gründer:innen. Statt Koks, Eisen und Stahl werden so in Bochum, Gelsenkirchen und Herne heute Öle, Schokoladen, Möbel und Käse in der Stadt produziert. Und in einem Projekt in Bochum, dem Reallabor „LutherLAB“, wird beispielsweise erprobt, wie produzierende Gewerbebetriebe wieder innerhalb der Stadt angesiedelt werden können.

Laut Stadtforscher:innen würden so die lokale Wirtschaft angekurbelt, die Städte belebt und auch die Wege zwischen Wohnung und Arbeit verkürzt werden. Und bei der Suche nach Fachkräften profitieren Unternehmen von den urbanen Kulturangeboten und einer guten sozialen Infrastruktur. Außerdem steigt in Stadtquartieren mit älter werdenden Bewohner:innen der Bedarf an standortnaher Versorgung.

Universitäten zurück ins Zentrum.

Wissenschaftler:innen beschäftigen sich nicht nur mit der Transformation der Städte. Sie selbst können auch Teil der Veränderung sein und zur Belebung der Innenstädte beitragen. So lag in der Stadt Siegen die Universität am Rand der Stadt, während im Zentrum viele Gebäude leer standen. Gemeinsam mit der Universität entwarf die Stadt einen Masterplan, um die Fakultäten in die Innenstadt zu verlegen und dort zu konzentrieren. „Wissenschaft gehört dahin, wo die Menschen sind. In die Mitte der Gesellschaft, in die Mitte der Stadt.“ So das Ziel des Projektes „Siegen. Wissen verbindet“. Neben kurzen Wegen, einer besseren Erreichbarkeit und näheren Zusammenarbeit der Fakultäten, biete der Umzug der Hochschule in die Innenstadt vielfältige Potenziale für Handel und Dienstleistungen, so die Zielsetzung.

Im Herbst 2020 wurde im obersten Geschoss des Karstadt-Gebäudes in Siegen ein neues Hörsaal- und Seminarzentrum eröffnet, während die unteren drei Etagen weiterhin von Galeria Kaufhof genutzt werden. Die oberste Etage wurde komplett geräumt und umgebaut, zu einem Hörsaal für knapp 600 Personen, zwei kleineren Hörsälen für jeweils 200 Personen und sieben Seminarräumen sowie einem großen Foyer, das für Veranstaltungen genutzt werden kann. Es ist eine Umkehrwende, nachdem jahrzehntelang die Hochschulen die Innenstädte verließen.

Die gesunde Stadt.

Immer mehr Wissenschaftler:innen aus der Stadtplanung, der Architektur und dem Gesundheitswesen beschäftigen sich mit der Frage, wie eine Stadt geplant werden muss, damit sie die Gesundheit ihrer Bewohner:innen fördert. Denn wie hoch das Risiko ist, zu erkranken, hängt auch vom Wohnort ab. Wissenschaftler:innen haben festgestellt, dass gesundheitsfördernde und -schädigende Faktoren sehr ungleich auf städtische Räume verteilt sind. „In den einzelnen Quartieren europäischer Städte variiert die Lebenserwartung um bis zu acht Jahre“, sagt der Architekt und Stadtplaner Martin Knöll von der TU Darmstadt. Das hänge mit Umweltbelastungen wie Lärm und Feinstaub zusammen, mit sozialen Faktoren, aber auch damit, wie die Quartiere gestaltet sind. „Wir sollten die Perspektive wechseln“, fordert auch der Gesundheitswissenschaftler Wolfgang Schlicht. 

Der emeritierte Professor hat bis 2019 den Lehrstuhl für Sport- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Stuttgart geleitet. „Wir sollten nicht primär und oft mit erhobenem Zeigefinger Einzelne ermahnen, sich mehr zu bewegen und gesünder zu leben. Vielmehr müssen Kommunen überhaupt erst einmal die Möglichkeiten schaffen, damit Menschen aktiv werden und sich insgesamt gesund verhalten können.“ Aber wie gestaltet man eine gesundheitsfördernde Stadt? Entscheidend dafür ist: Gibt es Grün- und Wasserflächen, wie sind die gestaltet und wie gut sind sie erreichbar? Wenn man schöne und grüne Flächen in der Stadt gut erreichen kann, am besten zu Fuß oder mit dem Fahrrad, sind schon mal gute Voraussetzungen geschaffen. Zentral ist auch, wie die öffentlichen Räume ausgestattet sind, ob es öffentliche Toiletten, Bänke zum Ausruhen oder Beobachten und schattenspendende Bäume gibt. Die Stadt Wien hat zum Beispiel 1.000 Trinkbrunnen installiert, an denen alle Menschen sich unterwegs jederzeit kostenlos Trinkwasser abfüllen können.

Das Netzwerk zur Stadtrettung.

Um das Sterben der Innenstädte zu verhindern, braucht es neue Ideen, kreative Lösungen und ein starkes Netzwerk. Aus diesem Ansatz heraus hat sich das Netzwerk „Die Stadtretter“ gegründet, ein Zusammenschluss von Akteuren aus Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft, darunter auch das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Die Initiative will mit einer digitalen Plattform Innovationsprozesse in Stadtgestaltungen begleiten und so Lösungen für eine zukunftsfähige Stadt finden. „Die Stadtretter“ engagieren sich bei der Bekämpfung von Leerstand, für den Erhalt von attraktiven Innenstädten, bei der Umsetzung von Reallaboren und als Think-Tank zur Stärkung von Städten und Gemeinden. Aktuell sind bereits mehr als 870 Kommunen und  weitere Unterstützer:innen der Initiative beigetreten. Durch engen Austausch können die Teilnehmenden von Erfolgsgeschichten und Lösungen anderer Kommunen erfahren und sich durch Projekte wie die „Stadtretter-Akademie“ informieren und weiterbilden. Kommunen können sich zudem darum bewerben, dass Expert:innen zu ihnen kommen und einen unabhängigen Blick von außen auf die Kommune werfen, um Handlungsfelder und Potenziale zu identifizieren.