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Vom knappen Immobilienmarkt der Einsiedlerkrebse.

Einsiedlerkrebse leben in mobilen Behausungen und ziehen mehrmals in ihrem Leben um. Mancherorts ist die Nachfrage nach Schneckenhäusern aber größer als der vorhandene Wohnraum. Dann kommt es zum Immobilientausch und mitunter auch zum Kampf zwischen den Tieren.

Es hat viele Vorteile, wenn man sein Haus mit sich herumträgt. Man ist gleichzeitig drinnen und draußen, hat immer ein Dach über dem Kopf und den Allerwertesten geschützt. Doch das Glück währt nicht unbedingt ewig. Schwierig wird es, wenn die mobile Behausung zu klein wird und es an freien Immobilien mangelt. So ergeht es derzeit vielen Einsiedlerkrebsen im „Mu Ko Lanta Marine National Park“ im Westen Thailands. Für sie gestaltet sich die Wohnungssuche ähnlich schwierig wie für die Einwohner:innen von München, London oder Paris. Weil die Tiere sich derzeit rasant vermehren, ist die Nachfrage groß und der Wohnraum knapp. Einige Einsiedlerkrebse haben daher schon leere Plastikflaschen oder Joghurtbecher in Notbehausungen umgewandelt.


Wenn das Haus zu klein wird.


Einsiedlerkrebse leben in Küsten- und Ufernähe aller Weltmeere und beziehen dort Schneckenhäuser, Muscheln, Korallen oder andere hohle Objekte, um ihren weichen, ungepanzerten Hinterleib zu schützen. Für sie ist die Behausung überlebensnotwendig. Denn ein ungeschützter Hinterleib dient Fressfeinden als Angriffspunkt. Ohne Not geben die Tiere daher ihre Häuser auch nicht auf. 

Doch wenn die Krebse wachsen und ihnen das Gehäuse zu eng wird, müssen sie sich ein neues suchen. Und so ziehen die kleinen Tiere mehrmals im Leben um. Diese Umzugszeit gehört für sie, neben dem ersten Lebensabschnitt als Larve, zu der risikoreichsten Phase in ihrem Leben. Bei dem Immobilientausch bilden die Tiere sogar Warteschlangen und reihen sich der Größe geordnet hintereinander auf, bis ein Haus frei wird. Doch mitunter reißt auch dem geduldigsten Einsiedlerkrebs der Geduldsfaden und es kommt zu Kämpfen um eine Bleibe. Bei akuter Wohnungsnot wird dem Nachbarkrebs dann schon mal ein besonders begehrtes Häuschen vom Leib gezogen. Einige Einsiedlerkrebsarten bauen das Innere ihrer Schneckenhäuser sogar noch aus. Sie besitzen ein Sekret, mit dem sie die Innenseiten ihrer Behausungen abschleifen. So schaffen sie eine glatte Oberfläche sowie mehr Platz und können besser wachsen oder sogar die Eier lagern.


Kampf gegen die Obdachlosigkeit.


Übrigens trägt nicht jeder Einsiedlerkrebs sein Haus gleichermaßen am Hinterteil. Es gibt Rechts- und Linkshänder oder besser Rechts- und Linksbeiner. Der linksbeinige Einsiedlerkrebs trägt links das größere Scherenbein und verschließt damit den Eingang seines Gehäuses. Bei der Familie der rechtsbeinigen Einsiedlerkrebse ist das rechte Bein größer. 

In dem thailändischen Nationalpark gab es im vergangenen Jahr sogar einen Spendenaufruf für die obdachlosen Krebse. Daraufhin wurden mehr als 200 Kilogramm Schneckenhäuser von der Bevölkerung eingesandt. Wissenschaftler:innen weisen allerdings darauf hin, dass die Schneckenhäuser dann an anderen Orten fehlen. Nachhaltiger sei es, Schneckenhäuser gar nicht erst aufzusammeln und mit nach Hause zu nehmen. Sonst gilt für den kleinen Krebs: Wer jetzt noch kein Haus hat, findet keines mehr. 

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Titel und Teaser: ©Jose Gil - stock.adobe.com