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Teil 1: Urbane Utopien – vom Masterplan bis zur Favela.

Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die in Metropolen leben, stark an. Derzeit wohnen etwa 55 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass es 2050 bereits mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung sein werden. Das stellt die Entwicklung der Städte vor große Herausforderungen und vor gewaltige ökologische, soziale und ökonomische Fragen – mit ganz unterschiedlichen Antworten. Ein Blick auf die Extreme der Stadt.


Die Gestalt einer Stadt.


Städte sind hochkomplexe Gebilde und ihre Entwicklung ist so vielfältig wie die Städte selbst. Menschen haben in der Vergangenheit häufig dort Orte errichtet, wo Flüsse fließen, wo das Land besonders fruchtbar ist oder entlang von zentralen Verkehrsachsen. Die Gestalt einer Stadt ist immer das Produkt vieler Kriterien – geografischer, sozialer, ökonomischer und kultureller. Viele Städte haben sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt, verändert, sind organisch gewachsen oder geschrumpft. Und in vielen Megastädten haben sich eigene Siedlungsgebiete entwickelt, die nie geplant worden sind, sondern durch die Bewohner selbst errichtet wurden und in denen sie ihre eigene Infrastruktur geschaffen haben.

Aber auch die Planstadt, die am Reißbrett entworfen wird, ist kein neues Phänomen, sondern Teil der Siedlungsgeschichte. Die Idee ist seit der Antike bekannt: Eine Stadt, die nicht natürlich wächst, sondern planvoll angelegt wird. So kann Stadtplanung großartige Städte erschaffen. Sie kann aber auch leblose Orte errichten. Nicht alle Planstädte waren erfolgreich, denn effiziente Stadtsysteme zeugen nicht immer auch von hoher Lebensqualität. Manche endeten als triste Retortenstädte. Und werden Städte am Reißbrett geplant, werden dabei nicht selten die bisherigen Bewohner der Region verdrängt und bestehende Strukturen zerstört.

Was macht den Reiz einer Stadt aus? Ist das nicht erst ihr wuseliges Nebeneinander, ihr lebendiges Chaos, das Leben einer pulsierenden Metropole, das sich nicht planen lässt? Worin liegt das Geheimnis einer lebenswerten und funktionierenden Stadt? Einige Beispiele – von der Geschichte bis in die Zukunft – zeigen, wie schwierig diese Fragen zu beantworten sind.


Beispiel 01 | Planvoll angelegt.


Bereits im 19. Jahrhundert wurde beschlossen, eine neue Hauptstadt für Brasilien zu bauen. Das hatte politische und strategische Gründe. Das Innere des großen südamerikanischen Landes sollte dadurch besser erschlossen und die Infrastruktur ausgebaut werden. Nach der Grundsteinlegung 1922 kam das Projekt allerdings nur schleppend voran. Das Gebiet lag in einer völlig unerschlossenen Region des Landes. Erst unter Präsident Juscelino Kubitschek wurde Brasília schließlich aus dem Boden gestampft und 1960 zur Hauptstadt erklärt. 

Den Plan für die Zukunftsstadt hatte Lúcio Costa entworfen, die öffentlichen Gebäude wurden von dem renommierten Architekten Oscar Niemeyer geplant. Costa und Niemeyer wollten eine perfekte, moderne Stadt schaffen. Sie waren davon ausgegangen, dass sich die Gesellschaft an den Stadtentwurf anpassen würde. Dabei haben sie aber nicht das enorme Wachstum und die sozialen Unterschiede berücksichtigt. Heute fehlt vor allem einfacher Wohnraum und viele Bewohner müssen in Slums oder Satellitenstädten am Rand von Brasília wohnen. Ausgelegt war die Stadt einst für 600.000 Menschen. Heute leben dort mehr als 2,8 Millionen Einwohner. Kritiker bemängeln zudem, dass die Stadt bis heute keine pulsierende Metropole geworden ist. Selbst der Architekt 
Niemeyer hat später kritisch auf das Projekt zurückgeblickt. 

 


Beispiel 02 | Radikale Vision.


„Die gekrümmte Straße ist der Weg der Esel, die gerade Straße ist der Weg des Menschen“, schrieb der Architekt Le Corbusier im Jahr 1925. Städtebau sei das Ergebnis von Geometrie und Funktionalität. Der Architekt sah in den engen Gassen von historischen Stadtkernen nicht das Charmante, Zufällige oder Gewachsene, sondern nur die krummen Eselswege. Hochhäuser sollten die Dichte an Einwohnern erhöhen und zugleich Grünflächen schaffen. 1925 entwarf Le Corbusier den utopischen städtebaulichen Entwurf „Plan Voisin“ für Paris, der von wenigen großen Verkehrsachsen ausging und einen fast totalen Abriss des alten Paris nördlich der Seine vorsah. Le Corbusier plädierte stattdessen für eine gleichmäßige und gerasterte Bebauung mit identischen Hochhäusern. Seine Pläne wurden nie direkt umgesetzt, inspirierten aber viele Architekten und Stadtplaner, einige Ideen in ihre Entwürfe einfließen zu lassen. Später nahm Corbusier selbst Abstand von seinen radikalen Flächensanierungen. 

 


Beispiel 03 | Informell gewachsene Siedlungen.


Kreuz und quer verlaufen elektrische Leitungen und dünne Rohre mit Frischwasser durch die Stadtviertel. Die Häuser, Hütten und Behausungen sind aus Stein, Holz oder Plastik errichtet. Kein Haus gleicht dem anderen. Mehr als sechs Millionen Menschen wohnen in Rio de Janeiro, etwa 20 Prozent von ihnen in Favelas, den informell gewachsenen Siedlungen. Manche sehen in diesen Stadtvierteln lediglich chaotische Sammelsurien, in denen Strom und Wasser angezapft wird – andere erkennen darin eine beeindruckende Komplexität an selbst entwickelter Infrastruktur für Menschen, die im formellen Stadtsystem nicht berücksichtigt werden. 

Die Favelas von Rio de Janeiro unterscheiden sich in Größe, Einwohnerzahl, Einkommens- und Altersstruktur. Trotzdem haben diese Siedlungen ein gemeinsames Grundmuster: Die Bewohner errichten ihre eigene Behausung, sie organisieren die Versorgung mit Wasser, Strom und Abwasser abseits formeller Systeme und entwickeln Alternativen zum öffentlichen Nahverkehr. Dazu gehören beispielsweise die Kleinbusse. Weil sie nicht besonders groß sind, können diese Vans auch durch die engen Gassen der Favelas fahren und abgelegene Gebiete erreichen. Stadtplaner und Architekten, die sich mit Favelas beschäftigen, weisen immer wieder darauf hin, dass diese Stadtgebiete keine primitive oder rückständige Form des städtischen Lebens seien. Im Gegenteil. Die Siedlungen verändern sogar das Wesen der Städte und können als Typologie neben anderen urbanen Bebauungstypologien verstanden werden.