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Zoff, Veränderung und Comebacks – Joey Kelly darüber, was uns voran bringt.

Vom Musikstar zum Leistungssportler – unser Gastautor kann ein Lied davon singen, wie sich Veränderung anfühlt und wie man an ihr wächst.

Bewertung
65

Ich habe elf Geschwister. Acht von ihnen waren Mitglieder unserer Band. Sprich: Wir haben zu neunt tagtäglich aufeinander gehockt. Ich wurde oft gefragt, ob das dauerhaft gut geht. Nein, natürlich nicht. Wie in jeder normalen Familie gab es immer mal wieder Zoff. Und mit dem einen habe ich mich besser verstanden als dem anderen. Das gehört dazu.

Mit dem Auflösen unserer Band war von jetzt auf gleich alles anders. Die Verhältnisse zueinander haben sich verändert. Zu einem meiner Brüder leider zum Negativen hin. Außer der Musik, die damals für uns mehr eine Selbstverständlichkeit als ein gemeinsames Projekt war, hatten wir nicht viel gemeinsam. Mit der räumlichen wurde auch die emotionale Distanz immer größer. Wir mussten nicht mehr notgedrungen miteinander klarkommen, also taten wir es auch nicht.

Mehr als ein Comeback

Im vergangenen Jahr haben wir als Familie unser Comeback gewagt. Ich bin offen an die Sache herangegangen, hatte aber keine allzu großen Erwartungen. Vor allem nicht die, dass sich das Verhältnis zu meinem Bruder wieder verbessert. Aber tatsächlich: Wir gehen wieder ganz locker miteinander um und verstehen uns gut. Erst habe ich nicht verstanden, warum. Mittlerweile glaube ich es zu wissen. Wir sind endlich erwachsen geworden und können unsere Dickköpfe – die wir beide bis heute durchaus noch haben – auch mal zurücknehmen. Es ist in Ordnung, wenn der andere nicht der eigenen Meinung ist. Außerdem ist die „Kelly Family“ diese Mal ein echtes Projekt für uns. Jeder hat sein eigenes Leben und hat sich bewusst für das Comeback entschieden. Wir alle Arbeiten voller Spaß und Leidenschaft für ein und dieselbe Sache. Für uns ist das nicht nur ein Job, sondern viel mehr als das. Und dass wir dabei erfolgreich sind, trägt natürlich enorm zur guten Stimmung bei.



Ich muss ganz klar sagen: Zum Glück hat mich diese Veränderung einfach „überrollt“. Ich weiß nicht, ob wir unsere Komfortzonen jemals verlassen und uns wieder angenähert hätten. Die Welt um uns herum verändert sich. Und das Beispiel zeigt, dass das ohne unser Zutun unser Leben beeinflussen kann. Insofern ich meinen Lebensweg beeinflussen kann, pflege ich aber ein ganz anderes Motto: „Wenn du etwas verändern willst, fang damit an.“


Zum Glück hat mich diese Veränderung einfach „überrollt“.

Selbstsicher, ausdauernd und bekloppt

Ich war fünf Jahr alt, als unsere Band gegründet wurde. Wir sind durch ganz Europa gezogen und haben auf der Straße gespielt. Ein harter Kampf für ein großes Ziel: Wir wollten die Hallen dieser Welt füllen. Auf der Bühne stehen und die Menschen mit unserer Musik berühren. Wir haben immer und immer wieder alles auf eine Karte gesetzt. So haben wir beispielsweise, als wir uns das erste Mal von dem auf der Straße verdienten Geld etwas leisten konnten, ein eigenes Plattenlabel gegründet. Wir waren glaube ich die ersten in Deutschland, die das taten. Aber wir hatten einen Traum. Und tatsächlich, nach 18 Jahren harter Arbeit und Existenzkampf haben wir es im Jahr 2002 geschafft und mit unserem Album „Over the Hump“ erstmals die Charts gestürmt. Es war einfach unglaublich. Aber ich muss auch ganz ehrlich zugeben: Wir waren schon irgendwie bekloppt. Woher nahmen wir all die Jahre die Sicherheit, dass wir unser Ziel irgendwann erreichen? Sei es drum. Wir hatten das nötige Quäntchen Glück und haben die Veränderung selbst herbeigeführt

Geliebte Unbeliebtheit

Der Zeitraum, in dem wir richtig erfolgreich waren, betrug in etwa sechs bis acht Jahre. Wir lebten wie in einer anderen Welt, in der die normalen Gesetzmäßigkeiten nicht mehr galten. Und wir rutschten da nach und nach rein. Die kreischenden Fans, die der Reihe nach in Ohnmacht fielen. Die schier unendliche Berichterstattung. Und das viele Geld. Ich kann durchaus verstehen, wenn es Stars gibt, die da die Bodenhaftung verlieren. Vor allem wenn man wie meine Brüder Paddy oder Angelo als Poster in jedem zweiten Mädchen-Zimmer hängt. Aber mir konnte das nicht passieren, wie die Bravo damals eindrucksvoll herausfand: Ich war der unbeliebteste Kelly und erhielt bei einer Umfrage nicht einmal einen Prozent der Fan-Stimmen. Aber naja, dafür konnte ich auch einfach so und ohne belagert zu werden über die Straße laufen. Und Glück im „Unglück“: Ende der neunziger habe ich den Sport für mich entdeckt, den ich deshalb problemlos ausüben konnte.

Leidenschaft auf den zweiten Blick

Wie ich zum Sport gekommen bin, haben Sie vielleicht schon mal gelesen: Meine Schwester hatte sich vorgenommen, an einem Triathlon teilzunehmen. Grund genug für mein etwas zu groß geratenes Ego, vorzupreschen: Das, was sie kann, kann ich auch. Gesagt, getan. Ich rannte allen vorweg ins Wasser und wollte das Ding von vorne machen. Nicht die beste Idee, wie ich schmerzlich erfuhr. Nach rund 100 Metern fand ich mich nach Luft schnappend an einer Boje wieder. Ich war so fertig, dass ich nach einer gefühlten Ewigkeit umgedreht und wieder zurückgeschwommen bin. Aber wer mich kennt, weiß, dass das nicht mein Stil ist. Wieder an Land musste ich meine Ehre retten. Ich ging ein zweites Mal ins Wasser und startete das Rennen erneut – in meinem Tempo. Das Ende vom Lied: Ich habe es ins Ziel geschafft. Als Drittletzter. Und ich schwor mir an Ort und Stelle: Das machst du nie wieder.


In den Wettkämpfen erlebte ich plötzlich wieder die „echte“ Realität.

Wie wir heute wissen, ist das ebenfalls eine Veränderung, die mich auch einfach überrollt hat. Ich hatte plötzlich eine neue Leidenschaft: Ausdauersport. Irgendwie hat es mich doch „gepackt“. Wenn meine Geschwister nach einem Konzert schlafen gingen, zog ich mir nochmal die Laufschuhe an. Ich nahm an immer mehr Wettkämpfen teil. Hier erlebte ich plötzlich wieder die „echte“ Realität. Ich erarbeitete mir jeden noch so kleinen Fortschritt selbst und konnte mich mit anderen messen. Und wenn ich schlecht trainierte, spürte ich die Konsequenzen. Das war mein Ausgleich zum Musikerleben.

Wie früher, aber anders

Heute steht meine Welt Kopf. Zum Teil, weil ich die Veränderung aktiv gesucht habe. Zum Teil, weil ich von der Veränderung aufgesucht wurde. Früher war die Musik mein Leben und der Sport mein Ausgleich. Heute ist der Ausdauersport mein Leben. Nachdem ich im Jahr 1998 acht Ironman gefinisht habe, sind die Wettkämpfe immer ausgefallener geworden. In meiner Vita stehen beispielsweise ein 5.000 km-Marsch ohne Geld quer durch Amerika, ein 441 km langer Ultramarathon in Namibia und ein Wettlauf zum Südpol.

Die Musik ist seit unserem Comeback mein Ausgleich. Ich übernehme im Gegensatz zu früher keine Management-Aufgabe mehr und kann heute jeden Auftritt voll genießen. Ich nutze unsere Shows sogar, um herunterzukommen. Wer hätte das gedacht?! 

Mal sehen, was mein Leben für mich und ich für mein Leben noch bereithalten. So viel sei verraten: Ich hätte riesig Lust, mir irgendwann einmal unsere Kelly-Lieder zu schnappen und sie im Heavy Metal-Style auf Wacken zu spielen. Eine Idee, die mein Rocker-Herz höher schlagen lässt. 


Zum Autor 

Als Musiker und Mitglied der Band Kelly Family berühmt geworden, hat Joey Kelly mit Mitte zwanzig die Musik erst einmal Musik sein lassen. Für eine Solokarriere hätte es nach eigenen Aussagen nicht gereicht. Lieber hat er sich dem Ausdauersport gewidmet. Bis heute nimmt er weltweit an verschiedensten Wettbewerben teil. Gefinisht hat er sie bislang alle – sogar einen Halbmarathon, bei dem er bei Kilometer sieben einen Muskelfaserriss erlitt. Gerade sein eisener Wille und seine Selbstdisziplin erlauben es ihm, Dinge zu leisten wie kein anderer. Und auch in 20 Jahren will er noch Sport machen. Dann kann er aber damit leben, wenn seine Leistungen mit denen von heute nicht mehr mithalten können.



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