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Reanimation der Bodenkunst. Der Gastbeitrag eines Teppich-Designers.

Jan Kath ist der neue Vorreiter eines alten Handwerk-Produkts. Der Teppich-Designer beliefert Rockstars wie auch Könige und hat die Welt des Teppichs umgekrempelt. Hier erzählt er seine Geschichte.

Ich bin inmitten von Teppichen groß geworden. Mit meinen Geschwistern habe ich stundenlang zwischen den hochwertigen Orientteppichen, mit denen meine Eltern handelten, herumgetobt. Wir haben Verstecken gespielt oder die Teppichstapel als Trampoline genutzt. Für mich gab es nie etwas anderes. Es gab lediglich eine Phase, in der ich meine Leidenschaft für Teppiche ein wenig aus den Augen verloren habe …


Mit 21 Jahren hatte ich das Thema Teppich satt. Wollte nach der kaufmännischen Ausbildung im Betrieb meiner Eltern nichts mehr von den aus meiner Sicht damals völlig spießigen Teppichen sehen oder hören. Ich habe meine Tasche gepackt und bin mit dem Rucksack auf dem Rücken durch Asien gereist. In Nepal, genauer gesagt in Kathmandu, hat mich meine Geschichte dann aber schon nach eineinhalb Jahren wieder eingeholt. Ich habe einen Geschäftsfreund meines Vaters getroffen. Er bot mir einen Job in seiner Teppichknüpferei an.

Gutes Timing: Ich fühlte mich in der Stadt sehr wohl, wollte gerne bleiben, mir war aber das Geld ausgegangen. Der Job war das perfekte Mittel zum Zweck. Anfangs zumindest. Nach und nach kam auch die Leidenschaft zurück. Also machte ich 1996 Nägel mit Köpfen.

Ich übernahm den Betrieb. War plötzlich Fabrikant. Verantwortlich für 600 Angestellte.


Vom Aussterben bedroht.

Mit der Fertigungstechnik kannte ich mich aus, mit dem Design hatte ich mich allerdings noch nicht beschäftigt. Jemanden dafür einzustellen, konnte ich mir wiederum nicht leisten. Somit musste ich selbst ran. Und das in einer Zeit, in der der Teppich vom Aussterben bedroht war. Schon damals spürte ich, dass kein Weg daran vorbeiführt, neue Wege zu gehen. Der Teppich war bei den jungen Leuten ins Abseits geraten und absolut out. Blätterte man beispielsweise ein Design-Magazin für Inneneinrichtung durch, fand man nicht einen Teppich. Weit und breit nur kahle Beton- und Holzböden. Was blieb mir anderes übrig: Ich arbeitete frei nach dem Prinzip „was mir gefällt, wird anderen auch gefallen“ drauf los.

Schnell wurde mir klar, dass ein Teppich nicht einfach nur Beiwerk im Raum sein darf. Ganz im Gegenteil: Er sollte den Raum definieren. Textilien im Allgemeinen schaffen eine besonders gemütliche Atmosphäre. Dem Teppich kommt dabei aber eine ganz besondere Rolle zu. Man kann ihn nicht nur anschauen, sondern auch betreten. Ich verstehe ihn als eine Art Insel, auf der sich Leben abspielt. Deshalb sollte ein Teppich auch nicht zu vollgestellt sein. In meiner Idealvorstellung trifft sich die Familie auf dem Teppich, nutzt ihn als Kommunikationsplattform – gerne direkt auf ihm sitzend.

Reanimation der Bodenkunst.

Wirft man heute einen Blick in die Kataloge der Möbelhersteller dieser Welt, findet man Teppiche über Teppiche. Und auch wenn das jetzt überheblich klingt: Ich bin davon überzeugt, dass das zum Teil unser Verdienst ist. Als junger Designer wusste ich: ganz oder gar nicht. Meine Wahl fiel auf „ganz“. Ich habe direkt eine ganze Kollektion entwickelt, die mit alten Gewohnheiten brach und viel mit Haptik und Struktur spielte.

Das Geld, was danach noch auf meinem Konto war, habe ich genommen und in eine Katalogproduktion investiert. Ich habe meine Stücke aufwendig und professionell in der Zeche Zollverein ablichten und eine Hochglanz-Publikation produzieren lassen. Und die ist eingeschlagen wie eine Bombe. Eine wahre Zäsur. Von da an ging es stetig bergauf. Der Teppich war zurück – in neuem zeitgenössischem Design.

Und auch die Marke „Jan Kath Design“ war aus der Taufe gehoben. Und das Besondere daran: Teppiche waren über Jahrhunderte anonyme Produkte, die Marke Jan Kath an sich war schon ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Dass sich dabei alles um mich und meinen Namen dreht, funktioniert hervorragend und ist glaubwürdig. Manchmal aber auch anstrengend und nicht immer ganz fair. Schließlich sind auch viele andere Menschen an dem Entstehungsprozess eines Teppichs beteiligt.

Mit persönlicher Note.

Vor allem im vergangenen Jahrzehnt haben viele andere Teppichhersteller nachgezogen und sich weiterentwickelt. Die Herausforderung, herauszustechen, ist viel größer als früher. Als Unternehmen ist es uns gelungen, eine eigene Handschrift zu kreieren. Als Grundregel haben wir uns auferlegt, dass wir uns frei machen von sämtlichen Gestaltungsregeln. Stattdessen wühle ich in meiner eigenen Vergangenheit – erinnere mich an alte Muster und besinne mich auf das Wissen meines Vaters und meines Großvaters. Etwas, auf das eben kein anderer Teppichproduzent zurückgreifen kann. Aber ich blicke nicht nur zurück, sondern auch in die Zukunft. Ich strecke die Fühler aus und frage mich, was zeitlos und auch noch zukünftig modern ist.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt der Blick auf unsere Spacecrafted-Kollektion. Mein Vater hatte in unserem Reihenhaus im Ruhrgebiet ein Teleskop auf dem Dachboden stehen. Seine Faszination für den Himmel und die Sterne hat sich auf mich übertragen. Während wir stundenlang nach oben starrten, lies er mich an seinem Wissen über die Himmelskörper teilhaben. Das hat mich geprägt und die Erinnerung daran hat mich dazu bewogen, eine Kollektion dem Thema „space“ zu widmen. Die Teppich-Designs schlussendlich basieren auf Fotos des Hubble-Teleskops, unserem Auge im All.

Darüber hinaus bin ich viel herumgekommen. Als Kind haben mich meine Eltern mit auf ihre Reisen genommen, als Backpacker habe ich vor allem in Asien viel gesehen und in den vergangenen 20 Jahren als Geschäftsmann bin ich mehr gereist denn je. Und ich kann von Glück reden, dass mein visuelles Gedächtnis sehr gut ist. Vor diesem Hintergrund ist zum Beispiel die Kollektion „From Russia With Love“ entstanden. Die Eindrücke, die ich in dem größten Land unserer Erde gesammelt habe, sind in der Kollektion verarbeitet. Und so viel sei verraten: Auch in China habe ich viel Zeit verbracht. Wir tüfteln gerade daran, wie wir das in die nächste Kollektion einfließen lassen können.


Knoten für Knoten.

Neben dem Design leben unsere Teppiche von einem zweiten Faktor: Wir stellen sie ganz traditionell in Handarbeit her. Mittlerweile arbeiten über 2.000 Menschen in unseren Knüpfereien. Sie erhalten von uns aus Bochum eine Art Pixelkarte, die Knoten für Knoten vorgibt, welches Material in welcher Farbe und Länge verwendet werden muss. Wie bei der Spacecrafted-Kollektion können wir dabei fast fotorealistisch arbeiten. Viele Pixel, sprich viele Knoten, lassen die Abbildung beinahe echt erscheinen.

Gehen wir mal von einem Teppich mit den Maßen 2,5 mal 3 Meter aus – ein Maß, das in Deutschland gerne genommen wird: An diesem Teppich knüpfen vier unserer erfahrensten Mitarbeiter rund vier Monate. Dazu kommen rund zwei Monate für die Logistik. Somit kostet ein Jan Kath-Teppich zwischen 1.500 und 2.300 Euro im Schnitt pro Quadratmeter.

Sammlerstücke von morgen.

Bei alledem haben wir ein ehrgeiziges Ziel: moderne Sammlerstücke von morgen zu entwickeln. Und diese halten etwas aus. Wir leben nicht davon, dass unsere Kunden alle drei Jahre wiederkommen und sich einen neuen Teppich zulegen. Ganz im Gegenteil: Wir legen ganz großen Wert auf die Haltbarkeit unserer Produkte. Wer so viel Geld in einen unserer Teppiche investiert, soll auch etwas davon haben. Er erhält einen Fußabtreter im übertragenen Sinn, auf dem er so viel herumtrampeln darf, wie ihm lieb ist. Zeitgleich erhält er eine Lebensinsel, die einen wichtigen Mehrwert für ihn und seinen Alltag liefert.

Und wer weiß, vielleicht werden Räume ja irgendwann um Teppiche herum geplant. Erlebt habe ich das zumindest schon einmal und Träumen ist ja erlaubt.


Zur Person

Jan Kath hat die Welt des Teppichdesigns entrümpelt. Ohne Berürrungsängste kombiniert er klassische Elemente des Orientteppichs mit zeitgenössischem, minimalistischem Design.
Er bricht gezielt mit Sehgewohnheiten und wirft strenge Gestaltungsregeln über Bord. Zu seinen Kunden zählen beispielsweise verschiedene Königshäuser, Bill Clinton oder die Red Hot Chili Peppers.


Zum Unternehmen

Jan Kath Design ist ein echtes Familienunternehmen. David Kath, Bruder des Designers, hält den Laden wirtschaftlich zusammen. Er ist für das Management verantwortlich. Ruth Kath, Mutter von Jan, verantwortet den HR-Bereich. Darüber hinaus studiert der älteste Sohn von Jan Kath Produktdesign in Kassel und hat während eines Praktikums in der Produktion in Kathmandu das Knüpfen gelernt.
Die Teppiche werden unter fairen Bedingungen produziert und sind von der Schweizer NGO Step zertifiziert.


Bilder: Jan Kath


Bauwerk
Ausgabe 01/2019

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