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Paläste auf Ruinen. Warum rekonstruieren wir alte Gebäude?

Vor sechs Jahren wurde in Berlin der Grundstein des jüngsten Barockschlosses Deutschlands gelegt – über den Ruinen des Palasts der Republik. Warum bauen Menschen alte Gebäude wieder auf?

Ein 400 Jahre altes Schloss wird bei Bombenangriffen stark beschädigt. Seine Ruine wird einige Jahre später gesprengt, um auf dem Grundstück einen neuen, modernen Palast zu errichten. Nicht einmal 40 Jahre später wird dieser Palast wiederum abgerissen, um mit viel Aufwand das einstige Schloss mit prunkvoller Barockfassade zu rekonstruieren. Was ist authentisch? Ist der frische Beton im historischen Gewand nur eine Attrappe, die vorgibt, alt zu sein? 

Der Wunsch, Schlösser, Kirchen, Tempel oder Häuser wieder so zu errichten, wie sie einst ausgesehen haben ist keineswegs neu. In nahezu allen Kulturen wurde immer schon rekonstruiert. Künstler und Architekten haben Muster und Vorlagen kopiert, nachgeahmt, verändert, angepasst und wiederholt. An Vergangenes und Bestehendes anzuknüpfen, es erneut abzubilden und es in kleinen Schritten weiterzuentwickeln, das war immer schon eine gängige Entwurfspraxis. 


Traditionsreicher Neubau

Eines der wohl prägnantesten und ältesten Beispiele für eine Rekonstruktion ist der Ise-Schrein in Japan, ein Heiligtum des Shintoismus. Alle 20 Jahre wird das Holzgebäude originalgetreu nachgebaut. Mit neuen Materialien, aber auf genau dieselbe Art und Weise, abwechselnd auf zwei nebeneinanderliegenden Parzellen. Und das schon seit dem Jahr 690. Während der aktuelle Tempel noch genutzt wird, errichten Handwerker bereits dessen Abbild. Und sobald der neue Schrein eingeweiht ist, wird das Vorgängergebäude abgerissen. Die genauen Gründe für diese ständige Prozedur sind nicht bekannt. Man nimmt aber an, dass die Erneuerungszyklen der Vergänglichkeit zuvorkommen sollen und so tatsächlich auch die ursprüngliche Form der Bauwerke bis heute bewahrt haben.


Anti-Anti-Aging

Auch in Europa und Deutschland findet man im Laufe der Geschichte zahllose Beispiele für Rekonstruktionen. Wer heute den Marktplatz im niedersächsischen Hildesheim besucht, kann dort Fachwerkhäuser mit aufwendigen Giebeln und detailreichen Fassaden bewundern. Doch die historische Altstadt ist eine Kulisse. Die Gebäude stehen dort noch nicht einmal seit 50 Jahren, sie sind Nachbildungen. In Hildesheim wurde 1945 bei einem Bombenangriff fast die gesamte, von Fachwerkbauten geprägte Innenstadt zerstört. Darunter auch das ehemalige Knochenhaueramtshaus, ein altes und berühmtes Gildehaus aus dem 16. Jahrhundert. In den 1960er Jahren wurde ein Architekturwettbewerb ausgelobt, um auf dem Grundstück ein Hotel in einem modernen Hochhaus zu errichten.

Doch die Begeisterung für das neue Gebäude hielt nicht lange an. Bereits 20 Jahre später wollten die Hildesheimer das Fachwerkhaus zurück, das 400 Jahre dort gestanden hatte. Das Hotel wurde wieder abgerissen und in aufwendiger Handwerksarbeit das alte Knochenhaueramtshaus so originalgetreu wie möglich rekonstruiert. Bautechnisch ist es ein Neubau, während die künstlerischen Details sich weitgehend an den alten Formen orientieren. Und so findet man in vielen Städten Gebäude, die älter aussehen, als sie sind.


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In Venedig gab das Fundament unter dem Glockenturm Campanile di San Marco im Jahr 1902 nach, der Turm brach in sich zusammen und hinterließ nur noch einen großen Berg Schutt auf dem Markusplatz. Noch am Einsturztag beschlossen die Venezianer, das Bauwerk originalgetreu wieder zu errichten. In Münster wurde bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg das Rathaus aus dem 14. Jahrhundert zerstört und einige Jahre später wieder rekonstruiert.

In Hamburg brannte 1906 die Michaeliskirche, das Wahrzeichen der Hansestadt, komplett ab. Architekten und Kunstexperten debattierten damals darüber, ob der Wiederaufbau eine Fälschung wäre oder nicht. Entgegen aller Bedenken beschloss der Hamburger Senat dennoch, „seinen Michel“ wieder zu errichten. Nach altem Vorbild. Lediglich bei den Baumaterialien wich man vom historischen Kirchturm ab, um die Rekonstruktion besser vor Feuer zu schützen.

Entspringen nun all diese Nachbildungen einer unreflektierten Nostalgie nach vergangenen Epochen oder bereichern sie das Stadtbild? Wann ist ein Wiederaufbau legitim? Und was macht die Authentizität eines Bauwerks aus? Diese Fragen müssen wohl bei jeder Rekonstruktion neu debattiert werden. Wobei ein Großteil der Bevölkerung die Bedenken und Einwände gegen die Rekonstruktionen offenbar nicht teilt, sondern sich nach den alten Formen im Stadtbild zurücksehnt.


Vergoldete Nostalgie

Das zeigt nicht nur das große Interesse an dem Berliner Schloss und an der neu errichteten Altstadt von Frankfurt, sondern auch eine aktuelle Bevölkerungsbefragung im Auftrag der Bundesstiftung Baukultur. Demnach befürworten 80 Prozent der Befragten die vollständige Wiederherstellung zerstörter Gebäude nach historischem Vorbild.

Zudem sind viele Menschen auch bereit, dafür zu spenden. Allein für die Rekonstruktion der Dresdner Frauenkirche wurden über 100 Millionen Euro gesammelt, für die Wiedererrichtung des Berliner Schlosses sind es bisher mehr als 93 Millionen. 12 Millionen Euro fehlen noch, um den Bau der historischen Fassade finanzieren zu können. Denn diese Unterstützung hat der Förderverein Berliner Schloss dem Bundestag zugesagt. Damit von den steinernen Reliefs über die vergoldeten Ziergitter an den Balkonen bis hin zur Farbe der Fassade alle Details dem einstigen Schloss entsprechen, das 400 Jahre dort gestanden hat.


Fotos: Fotolia: hanohiki, ArTo, Stephan



Bauwerk
Ausgabe 02/2019

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