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Familie Müllers' Wohnzimmer –
so wohnt der Durchschnitt.

Vertäfelte Decken, ausgesessene Sofas aus dunklen Leder- oder bemusterten Stoffbezügen. Vasen, Bilder und jede Menge Krimskrams verteilt auf Fensterbänken, kleinen Tischchen und in großen Schrankwänden. Vermutlich haben Sie auch sofort tausende Bilder im Kopf, wenn man Sie nach dem typischen Wohnzimmer der Deutschen fragt. Aber wie wohnt der Durchschnittsdeutsche wirklich und was hat sich in seinen vier Wänden in den vergangenen Jahren getan?

Ganz sachlich betrachtet lautet der Code für die typische, deutsche Wohnung „4ZKB“.

Das schrieb das Portal deutschland.de im April letzten Jahres, hinter dem unter anderem das Auswärtige Amt in Berlin steht. Sprich: Der Durchschnittsdeutsche wohnt in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Und wer sich dann noch was gönnt, packt noch ein „B“ wie „Balkon“ obendrauf. Der übliche Grundriss ist ein Flur mit Garderobe, daran angrenzend Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Küche und Bad.
Aktuell, so schreibt das Portal, stehen jedem in Deutschland im Durchschnitt 46 Quadratmeter zur Verfügung. Menschen in den großen Ballungsgebieten begnügen sich sogar mit noch weniger. Das Sofa ist das Lieblingsmöbelstück, die Küche erlebt eine Renaissance als kommunikativer Treffpunkt und Fotos, Bilder, Zimmerpflanzen und Dekoration sorgen für den individuellen Touch. Das zur Realität. Auch wenn die meisten Deutschen in Mehrfamilienhäusern zur Miete wohnen, wünschen sie sich ein anderes Zuhause. Am liebsten hätten sie ein eigenes Häuschen mit Garten. 

2004: Einzug der Müllers

Einen noch besseren Eindruck vom typischen heimischen Sofa ermöglicht die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Damit sich die kreativen Köpfe der Agentur in den 08/15-Konsumenten hineinversetzen können, wurde 2004 das Durchschnittswohnzimmer von uns Deutschen nachgebaut und möbliert – streng nach Daten des Statistischen Bundesamtes und der Konsumforschung. Entstanden ist der Rückzugsort der fiktiven Familie Müller: Claudia (Jahrgang 1967), Thomas (Jahrgang 1964) und Jan (Jahrgang 1995). 

Das Wohnzimmer, das Familie Müller vor 14 Jahren bezog, kommt unseren Klischees beängstigend nah. Die Sitzgruppe aus orangefarbenen Velourleder ist auf den Röhrenfernseher mit Videorekorder ausgerichtet. Unter dem Glastisch befindet sich ein Quellekatalog, ein Landschaftsmotiv schmückt die Wand und der CD-Turm darf natürlich auch nicht fehlen. Der Blickfang ist wie nicht anders zu erwarten die gute alte Schrankwand. Seitdem haben sich die Müllers und damit auch ihr Wohnzimmer aber natürlich weiterentwickelt. Der Schnappschuss aus dem Jahre 2009 offenbart noch nicht viele Veränderungen. Das neue Sofa und die PC-Ecke sind aber ihr ganzer Stolz. Dennoch macht Familie Müller kein Geheimnis daraus, dass sich bei ihnen zuhause vor allem in den Jahren danach etwas getan hat. 

 

 

2016: mobil und vor der Glotze

Graues Sofa auf silbernen Füßen, Laminatboden und sogar eine Sideboard-Kombination aus heller Eiche zählen zu den Anschaffungen der letzten Jahre. Dekotechnisch bevorzugt Mutter Claudia Engel, Frösche und Buddhas. Darüber hinaus verschönert sie ihr Zuhause mit Orchideen, Efeu und Weihnachtssternen. Sohn Jan ist mittlerweile volljährig und hat seine Eltern darin bekräftig, die altbackene Computerecke zu entsorgen. So hat die mobile Kommunikation Einzug in das Wohnzimmer der Müllers gehalten. Vor allem Sohn Jan surft, was das Zeug hält, schließlich zählt er zu den 85 Prozent der Digital Natives, die online sind. Nebenbei guckt er aber gerne auch gemeinsam mit seinen Eltern Fernsehen – 223 Minuten am Tag.

Klischee, Durchschnitt und Realität

Die Müllers zeigen: Klischee und Realität liegen näher beieinander als vermutlich die meisten von uns erwartet hätten. Räume, die so oder so ähnlich aussehen, sind in vielen Mietshäusern unserer Republik zu finden – von Individualität kaum eine Spur, dafür grüßen Billig-Möbelhäuser von der Wand. Das heißt aber nicht, dass auch Ihr Zuhause dieser Durchschnittwohnung entsprechen muss. Ausreißer nach oben und auch nach unten gehören selbstverständlich auch immer dazu. Aber wer weiß, wie sich die Räume der Familie Müller in den kommenden Jahren weiterentwickeln?! Vielleicht sorgt die nächste Renovierung für ein paar mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und den Müllers.


Bauwerk
Aus der Ausgabe 02/2018

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