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Digitalisierung ist Teamwork. Ein Interview mit Kai Brandt.

Kai Brandt hat die letzten zehn Jahren als Projektleiter mit BIM-Fokus für verschiedenste Projekte und Kunden gearbeitet. Jetzt ist er Geschäftsführer von LIST Digital und erklärt uns, was die Immobilienbranche bei der Digitalisierung erwartet.

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Seit Oktober hat die LIST Gruppe Zuwachs bekommen: Mit LIST Digital schlagen wir als Mittelständler die Brücke zwischen Digitalisierung und der Immobilienbranche. Dazu haben wir uns einen Spezialisten an Bord geholt: Kai Brandt ist an der Spitze unserer neuen Gesellschaft Fachmann für Building Information Modeling (BIM) und digitale Services im Bauwesen.

Hallo, Herr Brandt. Direkt zum Einstieg: Was haben Sie eigentlich mit Digitalisierung zu tun?

Ich war knapp 17 Jahre lang Bau- und Projektleiter. Vor ca. 10 Jahren bin ich zum ersten Mal durch meine Arbeit in Kontakt mit digitaler Projektbearbeitung gekommen. Ich bin direkt von den Möglichkeiten dreidimensionaler Gebäude-Modelle fasziniert gewesen. Ich finde seit damals aufregend, wie aussagekräftig Informationen in drei Dimensionen dargestellt werden. Und vor allem: Wie viel Arbeit und Probleme man sich damit ersparen kann. Ich habe als Projektleiter für BIM und Digitalisierung dieses Interesse zu meinem Kernthema gemacht.



Digitalisierung und Immobilienwirtschaft – haben diese zwei Dinge überhaupt Berührungspunkte?

Alle Beteiligten der Immobilienwirtschaft profitieren von besserer Planung. In den 3D-Modellen der Planer kann man Fehler oder Kollisionen schneller erkennen sowie Korrekturen und Änderungen besser koordinieren. Mit den 3D-Modellen können viele Informationen verknüpft werden, die für die Arbeit des Bauunternehmers, des Bauherrn oder des Betreibers wichtig sind. Also nicht nur: Wo ist welcher Bodenbelag? Sondern auch: Wann muss der Belag ausgesucht und eingebaut werden, wie wird er gereinigt?

Man muss keine fehleranfälligen und aufwändigen Listen für Bauteile aus Plänen „abschreiben“, sondern kann sich die mit ein paar Klicks aus der 3D-Planung generieren lassen. Dadurch muss niemand mehr mühselig Türlisten oder dergleichen aufstellen und nachpflegen. Zudem hilft es auch bei der Materialkalkulation: Mit etwas Vorarbeit im 3D-Modell lassen sich Mengen für Beton, Fassade, Sanitäranlagen, Steckdosen oder Schlösser automatisch ermitteln.

Das klingt erstmal mehr nach einer nützlicheren Excel-Tabelle als nach Digitalisierung.

Naja, anders als bisher können solche Tabellen direkt aus dem 3D-Modell der Planung abgeleitet werden. Sie stimmen mit der Planung überein, und das bleibt so, wenn Planung fortschreitet. Außerdem kann man durch visuellen Abgleich der Liste mit dem 3D-Modell effizient die Plausibilität prüfen, ebenso die Erfüllung des Vertrags oder die Vollständigkeit der Angaben aus der Planung.

Große Vorteile liegen auch in der Vereinbarungssicherheit und Nachhaltigkeit. Dadurch, dass sich alles transparent und anschaulich darstellen lässt, dass Unklarheiten oder Fehler schneller erkannt werden, erzielt man mit Auftraggebern, Planern und Nachunternehmern eine bessere Abstimmung – mit viel weniger Missverständnissen.

Diese technische Abstimmung zahlt sich weiter aus, wenn man mit BIM aus dem 3D- ein 4D-Modell macht, also den zeitlichen Verlauf mit einbezieht. So können die verschiedenen Arbeiten auf einer Baustelle wesentlich besser abgestimmt werden. Ein Beispiel: Der Elektriker kann erkennen, wann Wände aufgestellt sind, in denen er Leitungen, Steckdosen und Schalter verbauen muss. Eine wöchentliche Vorschau in 4D kann Teil der Baubesprechung werden. Digitalisierung zahlt sich so vor allem im Team aus.


Digitalisierung ist kein Office-Programm.

Sie hatten noch die Nachhaltigkeit angesprochen. Was meinen Sie damit?

Je länger man BIM konsequent über mehrere Projektphasen anwendet, desto größer ist der Nutzen. Natürlich hilft ein intelligentes Modell auch schon in einzelnen Phasen. Aber das Potenzial kommt erst über den ganzen Lebenszyklus einer Immobilie zum Tragen: von der Entwicklung über Bau und Projektmanagement bis zum Betrieb und späteren Umbauten. In allen Phasen profitiert man davon, wenn das Objekt intelligent modelliert ist und zugehörige Daten digital vorliegen – vor allem in der langen Betriebszeit. Ein Betreiber hat das Gebäude meist nicht gebaut. Aber mit BIM kann z. B. ein Hausmeister das Wartungsmaterial für die Lüftung und den Einbauort leicht herausfinden, ohne dass er dafür die entsprechenden Räume betreten muss.

Die Einführung solcher Neuerungen funktioniert ja nicht immer reibungslos. Sind Sie dabei schon auf Widerstand gestoßen?

Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass meist mehr als die Hälfte der Leute gespannt und neugierig ist auf die neuen Möglichkeiten. Die anderen sagen „Ok, interessant, gerne beim nächsten Projekt“. Aber alle sind sich eigentlich im Klaren, dass kein Weg daran vorbei führt.


Besser jetzt als später.

Gilt das überall?

BIM ist eine Arbeitsmethode, keine Software. Generell ist es leichter, sich auf BIM und andere digitale Möglichkeiten einzustellen, wenn man dafür keine bewährten Strukturen oder einen erprobten Erfahrungsschatz umwerfen muss. Deswegen fällt der Einstieg jüngeren Personen oft leichter als älteren. Bewährte Praxiserfahrung, die unschätzbar wertvoll ist, bringt jemanden hier nicht immer weiter. Jungen Kollegen fehlt diese Erfahrung – deshalb erleben sie die Vorteile manchmal schneller. Das ist ja nicht nur im Bau so, sondern auch in anderen Wirtschaftszweigen.

Im Übrigen gilt das nicht nur für Firmen, sondern auch für Länder: Deutschland hat eine bewährte und hoch geschätzte Planungskultur, die natürlich gewachsen ist – und deshalb herrschen hier größere Hemmnisse bei der Einführung neuer Ideen als in Regionen, in denen es eine solche Kultur noch nicht gab. Die Digitalisierung geht beispielsweise im Nahen Osten in viel größeren Schritten voran als hier.


BIM-Einführung nach Maß.

Wie wichtig ist diese Erkenntnis für Ihre Arbeit? Auch in unserer Unternehmensgruppe gibt es erfahrene Planer, Entwickler und Projektmanager?

Diese Erkenntnis ist immens wichtig, schließlich arbeiten in allen Gesellschaften viele Spezialisten für alle Phasen des Gebäudezyklus – und dabei wird die individuelle Einführung von BIM ein vielseitiges Thema. Jede unserer Gesellschaften hat ihre eigenen Arbeitsweisen und individuelle Stärken. Unsere Aufgabe ist, diese digital zu ergänzen. Zusammen werden wir festlegen, welche BIM-Anwendungen für LIST sinnvoll sind. Wir sehen uns dabei als internen Dienstleister, der unsere Gesellschaften und ihre Partner bei der Anwendung von BIM unterstützt – ähnlich wie LIST Ingenieure, die als In-House-Spezialisten arbeiten.

Bleibt LIST Digital denn ein „Insider“?

Die Arbeit für unsere Gruppe hat zunächst Priorität. Aber wir wollen auch auf den externen Markt und dabei besonders Investoren und Bauherren erreichen. Unser Know-how zu Datenstrukturen, Datei-Konventionen oder digitalen Workflows ist praxisbezogen. Unsere Kunden haben den Vorteil, dass wir ihre Probleme schon kennen – genauso wie die entsprechenden Lösungen. Als Teil einer vielfältigen Unternehmensgruppe gilt das für alle Bereiche der Immobilienwirtschaft.


Zur Person

Kai Brandt ist Geschäftsführer der LIST Digital, die Beratung und digitale Services in der Immobilienwirtschaft und speziell in der LIST Gruppe anbietet. Hinter ihm liegt eine Karriere als Bau- und Projektleiter mit technischer Affinität, zuletzt bei einem etablierten BIM-Dienstleister. Er und LIST Digital kümmern sich derzeit um die Einführung des Building Information Modeling bei der LIST Gruppe und die Entwicklung neuer digitaler Ansätze in der Immobilienwirtschaft.



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