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Diesen Bauherren geht es nicht um Gewinn. St. Pauli-Fans investieren mit Leidenschaft.

Bei Immobilienprojekten ist Geld immer ein Thema. Dass aber nicht für alle Investoren die Rendite im Vordergrund steht, zeigen die Fußballfans des FC St. Pauli.

Bewertung
36

"Das Spiel wird, glaube ich, um 13 Uhr angepfiffen.

Da kann man sich ungefähr ausrechnen, was der normale Fan machen muss, um rechtzeitig zum Anstoß im Stadion zu sitzen. Da rede ich jetzt nicht von den gut betuchten Leuten, die sich am Freitagabend um sechs Uhr in die Maschine setzen, nach München fahren, in Schwabing nett Essen gehen, nochmal einen kleinen Stadtbummel machen und dann entspannt mit dem Taxi zur Arena fahren. Sondern ich rede von denjenigen, die uns 90 Minuten lang leidenschaftlich unterstützen. Die wahrscheinlich seit drei, vier Uhr morgens unterwegs sind, alles Mögliche mitschleppen, durch die Welt fahren und dann da sind, um uns zu unterstützen.

Das ist auch der Grund, warum ich da vorher hingehe und am liebsten jedem einzelnen die Hand drücken möchte. Nicht, um mich feiern zu lassen, sondern um mich dafür zu bedanken, dass sie sich überhaupt auf den Weg gemacht haben. [...] Darüber sollte sich jeder einzelne unserer Spieler im Klaren sein, was wir für eine Verantwortung diesen Leuten gegenüber haben – und zwar bis zum Abwinken. Gerade und insbesondere in solchen Spielen.“

Ewald Lienen,
Technischer Direktor beim FC St. Pauli


Eine Liebeserklärung. Eine Hommage an die Fans. So titelten die Zeitungen im März letzten Jahres, als Ewald Lienen, Technischer Direktor beim FC St. Pauli, diese Worte vor dem Auswärtsspiel bei 1860 München an die Fans seines Vereins richtete. Der FC St. Pauli ist einer der bekanntesten Fußballvereine auf unserem Planeten. In Sachen Fanartikel-Verkauf lässt er die meisten Erstligisten blass aussehen. Die Mitgliederzahl steigt seit Jahren. Das Verrückte dabei ist, dass der Verein im Gegensatz zu anderen Proficlubs nicht gerade mit sportlichen Erfolgen glänzt.


Erstligist der Herzen

Der Grund für den großen Zuspruch ist ein anderer: Der FC St. Pauli ist nicht einfach ein Verein. Er ist vielmehr eine Wertegemeinschaft, die für Empathie, Toleranz und Solidarität steht. Das war allerdings nicht schon immer so. Im Jahr 1910 gegründet, war das Dasein des FC St. Pauli über Jahrzehnte hinweg alles andere als rebellisch. Die Wende – so wird es überliefert – nahm zu Beginn der achtziger Jahre ihren Lauf. Linksalternative strömten ins Stadion. Eines Tages brachte einer von ihnen – ein Hausbesetzer namens Doc Mabuse – eine auf dem Jahrmarkt erworbene Totenkopf-Flagge mit ins Stadion. Diese fand bei den Fans, nicht aber in der Vereinsführung Anklang. Man nahm Abstand von dem formierten Schwarzen Block.

Kommerz – nein danke!

Die Fans, die ihre eigene Bewegung aber finanzieren mussten, erkannten in dieser Situation eine Chance und griffen zu einem eher ungewöhnlichen Mittel. Sie eröffneten ihren eigenen Totenkopf-Fanshop. Außerdem konzipierten und produzierten sie mit dem „Millerntor Roar“ das erste Fan-Magazin von Fans für Fans in Deutschland. Erst wuchs die Bewegung. Dann eine Identität. Und was machte der Verein? Der traf die vermutlich beste Entscheidung in der Vereinsgeschichte: Er schlug sich auf die Seite der Fans und machte sich die Identität zu eigen. Fortan stand der FC St. Pauli für die Werte, für die er heute steht. Er positionierte sich klar gegen Rassismus und Faschismus. Gegen Sexismus und Homophobie. Und gegen Kommerz. Darüber hinaus erlegte er sich auf, selbstironisch, rebellisch, weltoffen und tolerant zu sein. 


Ein "Do it yourself"-Stadion.

Es wuchs ein Selbstverständnis in der Fanszene, das ein „einfaches Zuschauen“ nicht erlaubte. Und was das bedeutete, bekam der Verein bei den Planungen für den Umbau des Stadions zu spüren. Ganz nach amerikanischem Vorbild hatte sich der Verein ein auf Gewinn ausgerichtetes Sport- und Eventcenter ausgemalt. Als die Fans davon Wind bekamen, waren die Zeichnungen bereits fertig. Und wie zu erwarten, waren sie alles andere als begeistert.

Die Pläne des neuen Stadions verkörperten genau das, was die Linksalternativen an unserer Gesellschaft kritisierten. Das neue Stadion hätte nichts mehr mit dem zu tun, was den FC St. Pauli in ihren Augen ausmachte. Innerhalb kürzester Zeit wuchs eine Protestbewegung, die sich für die Neuauslegung der Umbaupläne stark machte. Mit Erfolg. Der damalige Präsident Paulick lenkte ein. Gemeinsam statt gegeneinander war fortan die Devise. Der Verein gab den Fans ein Mitbestimmungsrecht. Diese bedankten sich, indem sie ein beispielloses Engagement an den Tag legten. Sie schufen sich ihr eigenes Stadion. Ein Novum, dass die Liebe zwischen Fans und Verein noch weiter wachsen ließ. 

Entgegen der Kommerzialisierung des Fußballs hatte es der FC St. Pauli jahrelang geschafft, ohne Geldgeber auszukommen, unabhängig zu bleiben und nichts auszugliedern. Immer wieder sprangen Fans ein, um z. B. Liquiditätslücken in der Vereinskassen zu schließen. 2011 aber führte für die Verantwortlichen kein Weg mehr an diesem Schritt vorbei. Der Stadionausbau musste finanziert werden. Aber auch das regelten der Verein und seine Fans unter sich. 5.000 treue Anhänger wurden zu Anlegern und investierten rund acht Millionen Euro. Seit dem 1. Juli dieses Jahres können die Fans des Kiezclubs ihre Anleihe inklusive sechs Prozent Zinsen jährlich nun zurückfordern. Aber ein Teil der Besitzer der braun-weißen Wertpapiere will sein Geld gar nicht zurück. Die liebgewonnene Anleihe ist ein Symbol für ihre Liebe zum FC St. Pauli.

Der Kiezclub blickt auf eine ganz besondere Geschichte zurück, in der es abseits dieser großen Entwicklungen natürlich immer auch Höhen und Tiefen in der Beziehung zwischen Fans und Verein gab. Wenn es drauf ankam, hieß es aber immer: Einer für alle und alle für einen. Bis heute sind es immer wieder die Menschen abseits des Platzes, die den FC St. Pauli zu etwas ganz Besonderem machen. Und by the way: An dem besagten Tag in München schlugen die Kicker des Hamburger Kultvereins die Löwen in einer spannenden Partie knapp mit 2:1.


Bilder: imago; Oliver Ruhnke, Oliver Hardt, Picture Point, Philipp Szyza



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