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Die Zukunft der Arbeit kennt keine Altersbeschränkung.

Wir leben in einer Zeit, in der vier Generationen in einem Unternehmen arbeiten können. Das ist für alle Beteiligten eine ganz besondere Situation: Die Alten sind nicht die Bewahrer und die Jungen sind nicht die Rebellen. Ein Gastbeitrag von Raphael Gielgen, Trendscout bei Vitra.

Mein Schwiegervater und mein Vater sind beide Mitte 70. Sie stecken noch voll und ganz im Arbeitsleben und denken nicht daran, damit aufzuhören. Das hat vor allem damit zu tun, dass beide noch sehr viel Freude an ihrer Arbeit haben und dass diese Arbeit noch eine Relevanz hat. Beide erfahren eine besondere Art der Wertschätzung durch Kolleginnen und Kollegen und durch die Kunden. 

Über viele Jahre haben die Beiden viele technologische Errungenschaften erfahren. Sie haben diese wie selbstverständliche Werkzeuge genutzt. Gleiches gilt für den Umgang untereinander. Die Zeiten ändern sich und so ändert sich auch der Umgang. Das Gute daran: In ihren Augen sind neue Möglichkeiten per se etwas Gutes – ganz unabhängig von der Anzahl der Geburtstage, die sie in ihrem Leben bereits gefeiert haben. 


Komplex und vielfältig.

In der Summe tun sich Menschen mit der Vielzahl an Veränderungen schwer. Der Mensch ist eben nicht „smart“ und bekommt einfach ein Update. Es mangelt oftmals an Neugierde und Mut, die täglichen Routinen zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Dabei ist der Fortschritt für uns als Gesellschaft von zentraler Bedeutung.

Je länger ein Geschäftsmodell oder ein Wirtschaftssystem einen gut nährt und ein Garant für Wohlstand ist, desto mehr sinkt die Bereitschaft, diese Komfortzone zu verlassen. Generation für Generation entwickelt sich die Welt um uns herum aber weiter. Und wer in dieser bestehen will, muss sich stets erneuern. Das ist eine Herausforderung, aber keine unüberwindbare Hürde. Die Kunst ist es, aus den vielen Unsicherheiten Chancen zu kreieren.

Mit meinen 49 Jahren zähle ich mich zu den „Alten“. Wir sind in der industriellen Ökonomie groß geworden. Die Komplexität dieser Zeit gleicht einem Brettspiel wie „Mensch ärgere dich nicht“. Wir haben Aufgabe für Aufgabe strickt nach Plan abgearbeitet. Platz für Kreativität, Freiräume und unerwartete Wendungen war nicht vorgesehen. Die Ökonomie von morgen, vielleicht sogar schon von heute, ist hingegen mit der modernen Art des Gamings vergleichbar. Man lernt von Spielzug zu Spielzug dazu, nur das Kollektiv kann die Aufgaben stemmen und das Spiel ist als eine endlose Iteration nie vorbei. 


Mitten im Umbruch.

Wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten, wie jetzt. Neue Arbeits- und Lebensmodelle, Tools, die uns vieles erleichtern, und eine ganz andere Beziehung zu unseren Vorgesetzten sind dafür die Grundlage. Einen zentralen Aspekt nehmen die Themen Gesundheit, Wohlbefinden und Umwelt ein. In einem Zeitalter, in dem der Mensch 100 Jahre alt werden kann, ist dies eine neue Währung. Diese Haltung und Lebensweise beeinflussen nicht nur unser Alltagsleben, sondern werden auch unsere Arbeit maßgeblich verändern. In der Vergangenheit haben Gebäude, in denen der Mensch arbeitet, diesen krank gemacht.

In der Zukunft leisten diese einen zentralen Beitrag zur Gesundheitserhaltung und Fitness. Eine Entwicklung, die noch deutlich an Fahrt gewinnen wird.

Technologisch ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Gebäude kognitiv sind. Die Welt um uns herum verschmilzt zu einer cloud-basierten Umwelt, die jedes technische Gerät zur denkenden Maschine werden lässt. Die Architektur der Arbeit bekommt einen neuen digitalen Layer. Das kognitive Büro ist heute schon Wirklichkeit. In einer Welt, in der sich der Mitarbeiter in einer Arbeitslandschaft bewegt, ist eine „kognitive Gebäudestrategie“ eine Schlüsselaktivität. Sie gibt dem Betreiber ein unmittelbares Feedback dazu, was gerade im Gebäude passiert. Er kann ein Gebäude viel ökonomischer und ökologischer betreiben als bisher. Der Nutzer bekommt einen neuen Komfort. Er kann „sein Büro“ für sich konfigurieren und abstimmen wie ein Smartphone.

Trotz aller Technik bleiben wir Menschen uns in vielen Verhaltensweisen treu. Noch nie war die Sehnsucht der Menschen nach Zugehörigkeit und Verortung so groß wie jetzt. Im Zeitalter des flexiblen Arbeitens wächst der Wunsch nach Zugehörigkeit. Der Campus ist zum Mittelpunkt für die Gemeinschaft geworden. Hier sind die Gemeinschaft und ihre Rituale verortet. Der Campus ist mit den Erlebnissen und Erinnerungen des Arbeitslebens untrennbar verbunden. 

 


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Die Struktur des Vitra Workspace ähnelt einem Mosaik: Auf einer einzigen großen Fläche stehen Möbel zu Szenen arrangiert. Besucher wie auch Mitarbeiter finden somit eine Umgebung vor, die an alles andere als an ein Großraumbüro erinnert.

Physische Begegnungen und eine unmittelbare Teilhabe sind der Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand. Das Neue und der Fortschritt von Unternehmen entstehen nicht alleine aus der Dichte heraus, sondern durch eine Durchmischung unterschiedlicher Disziplinen und deren Akteure. Das Büro wird um den öffentlichen Raum erweitert. Das Atrium wird zum Public Space, hier durchmischt sich das Unternehmen mit seinem physischen Netzwerk außerhalb der eigenen Organisation.


Schritt für Schritt.

Der Weg in diese neue Realität ist für die meisten jungen Kollegen oder Start-ups ein Katzensprung. Sie kennen es ja nicht anders. Für die Älteren von uns ist es ein längerer und vermutlich auch mühsamerer Weg. Wer mit dem linearen Denken groß geworden ist, der muss das andere Denken erstmal trainieren und erfahren. Jeder Tag bietet Möglichkeiten, etwas Neues zu wagen, einen Schritt zu gehen und neue Erfahrungen zu machen. Am Ende zahlt es sich für uns alle aus. Denn eines ist klar: „Mit einer alten Software lässt es sich nicht arbeiten.“

Das IT-Office sollte vor allem eines sein: funktional. Durch den Einsatz vielfältiger Produkte, Materialien und Farben ist es darüber hinaus gelungen, eine individuelle und identitätsstiftende Arbeitsumgebung zu schaffen.


Sich selbst treu bleiben.

Eine besondere Rolle spielt dabei das Gedächtnis des Unternehmens. Es ist viele Jahre alt, hat viele Erfahrungen gespeichert und gibt damit Anleitung und Orientierung. Wir reduzieren das Gedächtnis gerne auf die Bilanz, aber das wahre Gedächtnis steht eben nicht in der Bilanz des Unternehmens. Die eigene Geschichte zählt zu den größten Schätzen, die man besitzt. Aus diesem Gedächtnis heraus entsteht eine Anleitung, eine Orientierung, auch und vor allem in der heutigen Zeit. Das hat einen sehr hohen Wert. Man muss sein Gedächtnis und den Gründungsimpuls des Unternehmens hegen und pflegen wie einen Garten. 

Vor uns liegt eine wunderbare Zeit. Jeder kann seinen Beitrag dazu leisten, dass wir etwas daraus machen – egal ob er ein Bewahrer oder ein Rebell ist.


Über den Autor

Raphael Gielgen ist „Trendscout Future of Work“ beim Schweizer Unternehmen Vitra. Seit vielen Jahren ist er auf der Suche nach dem „Quellcode“ für die Arbeitswelt von Morgen. Eine Reise, die immer wieder neue Überraschungen für ihn bereithält. Sein Motto dabei: „Vorstellen kann ich mir alles!“

Der gelernte Tischler und Kaufmann ist rund 200 Tage im Jahr unterwegs und besucht dabei weit über 100 Unternehmen und Forschungsinstitute. Er schaut in Firmen wie Apple, Airbnb und Google den Leuten über die Schulter, ist gut vernetzt mit erfolgreichen Start-ups und Architekten und steckt seine Nase in die Labore des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und von anderen renommierten Universitäten. Die Erkenntnisse, Erfahrungen und Ergebnisse dokumentiert Gielgen auf einem „Panorama“. Eine Landkarte der Trends und Muster einer neu entstehenden Welt. Sie gibt Kunden, Partnern und dem Unternehmen Vitra Orientierung.



Über das Unternehmen

Das Schweizer Familienunternehmen ist nicht nur Möbelhersteller, sondern auch Dienstleister für die Beratung, Planung und Realisierung von Arbeitsräumen oder öffentlichen Bereichen. Personen wie Raphael Gielgen oder auch Formate wie das Vitra Hackathon, in denen Vitra dazu einlädt, den Status quo der Arbeitsräume infrage zu stellen und gemeinsam innovative Konzepte zu entwickeln, machen es möglich. Sie erlauben es dem Unternehmen, zukunftsweisende Konzepte für die künftige Bürostruktur zu planen und zu realisieren, bei denen Kommunikationsflüsse, Arbeitsprozesse und Raumstrukturen aufeinander abgestimmt werden.



Fotos: Vitra.



Bauwerk
Ausgabe 02/2019

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