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Musterlösungen ausgemustert. New Work in Essen.

Wie wollen wir eigentlich arbeiten? Für unseren neuen Standort in Essen setzen wir uns mit Begriffen wie „Agilität“, „Scrum“,„Holocracy“ und vor allem „New Work“ auseinander.

Unseren neuen Standort in Essen, der sich gerade in Planung befindet, haben wir zum "Versuchslabor“ erklärt.

Dabei haben wir uns Unterstützung an Bord geholt: citizenoffice. Ein Unternehmen, das aus dem Einrichtungsbereich kommt und sich unter anderem auf die Konzeption und Einführung individueller New Work-Systeme spezialisiert hat. "Mit LIST Develop Residential, LIST Digital sowie LIST Projekt Management gehen drei junge Unternehmen mit Startup-Charakter an einen Standort“, gibt Helge Barthelmes einen Einblick. Barthelmes ist Geschäftsführer Vertrieb von citizenoffice. 

"Da schlagen immer zwei Herzen in unserer Brust. Auf der einen Seite gibt es wenig bestehende Strukturen und Prozesse, die wir aufbrechen müssen, und zudem sehr viel Synergiepotenzial. Auf der anderen Seite ist ein disruptiver Ansatz, in dem man sich von A zu B bewegt und beide Positionen hinterher miteinander vergleichen kann, einfacher für den gesamten Transformationsprozess.“ 

"Das Arbeitsumfeld entscheidet nicht alleine darüber, wie in einem Unternehmen gearbeitet wird, das wissen wir“, beschreibt Raoul P. Schmid, Geschäftsführer von LIST Develop Residential, die Herangehensweise. "Aber es ist ein wichtiger Grundstein, über den wir sprechen müssen.“ Zunächst ging es ganz grundlegend darum, eine gemeinsame Schnittmenge zu finden. "Mir ist es zum Beispiel wichtig, dass die akustische Abgrenzung einzelner Arbeitsplätze nicht untergeht“, findet der Geschäftsführer von LIST Digital, Kai Brandt.

"Diese Anforderungen mögen auf den ersten Blick zwar sehr banal wirken, sind für uns aber enorm wichtig zu wissen“,  fügt Helge Barthelmes hinzu. "Eine Arbeitswelt funktioniert nur dann, wenn sie auch die individuellen Bedürfnisse der Beteiligten berücksichtigt. Da müssen die grundlegenden Themen zur Sprache gebracht werden. Außerdem sollte die technische Infrastruktur genauestens durchdacht werden, denn das Händeln von Daten und Wissen ist eine der größten Herausforderungen für Unternehmen in der heutigen Zeit." 
 


Nichts geht über die Haltung


Dennoch hat sich die Runde nicht länger als nötig mit den Grundlagen aufgehalten. "Richtig intensiv wurde das Gespräch, als unsere Haltung zum Thema gemacht wurde“, zeigt sich Jenny Gesterkamp begeistert, die ihre neuen Geschäftsführerkollegen erst in diesem Meeting kennengelernt hat. "Sind wir wirklich bereit, über Sinnstiftung statt Profit und über das Team statt den Einzelkämpfer zu sprechen? Wollen wir die Verteidigungs- zu einer Lernkultur machen? Schaffen wir es, Druck zu Spaß, Kontrolle zu Vertrauen und Wissenshoheit zu Transparenz werden zu lassen?“

Und ja, die Geschäftsführer waren sich einig: Ganz oder gar nicht. "Viele von uns kommen aus konzernartigen Strukturen und sind sich durchaus bewusst, dass eine solche Haltung erst antrainiert werden muss“, gibt Alexander Micheel, ebenfalls Geschäftsführer von LIST Develop Residential, offen zu. "Aber wir werden alles dafür geben, genau das zu verinnerlichen. Und mit der Gestaltung der Räume setzen wir ein erstes klares Statement. Wenn wir das Team dem Einzelkämpfer vorziehen, sollten wir uns als Geschäftsführer auch kein Einzelbüro reservieren. Auch wir sind Team und außerdem noch viel unterwegs.“ 
 


LIST Projekt Management startet am 1. Januar 2019

Der Name unserer neuen Unternehmung verrät es bereits: Jenny Gesterkamp und ihr Team werden sich dem Management von Bauprojekten widmen. Als Inhouse-Dienstleister für unsere Projektentwicklung sowie auch für externe Kunden wird LIST Projekt Management ab dem 1. Januar 2019 durchstarten. Das Unternehmen wird seine Leistungen rund um die Projektsteuerung von Immobilienprojekten anbieten. Dabei hat Jenny Gesterkamp, die langjährige Erfahrungen im Projektmanagement mitbringt, eine klare Vision: „Wir werden uns nicht – wie es in der Projektsteuerung häufig gehandhabt wird – allein auf die Überwachung und Koordination des ursprünglich Geplanten verstehen. Unser Ziel ist es, ein mitgestaltender Partner sowohl für Bauherren und Investoren als auch für die beauftragten Bauunternehmen zu sein.“


Nieder mit den Gipskartonbarrieren!

Wie unsere Essener Arbeitswelt konkret aussehen wird, daran arbeitet citizenoffice noch. Was aber feststeht, ist die Tatsache, dass ein Multi-Space-Konzept umgesetzt wird. „Wir begegnen häufig dem Vorurteil, dass ‚New Work‘ eigentlich nichts anderes als eine schöne Umschreibung für ein Großraumbüro ist“, gibt Helge Barthelmes einen Einblick. „Dem muss ich aber vehement widersprechen. Wir setzen heute Multi-Space-Konzepte um, die den Mitarbeitern je nach Bedarf verschiedene Arbeitsumgebungen sowohl zur individuellen und konzentrierten Arbeit als auch für den Austausch im Team zur Verfügung stellen.“

Und das macht was mit den Menschen, die in dieser Umgebung arbeiten.

Da sind sich alle vier Geschäftsführer einig. „Es geht nicht darum, einen Kickertisch und gemütliche Lounge-Möbel aufzustellen“, erklärt Kai Brandt. „Sondern darum, beispielsweise mit beweglichen Möbeln für Flexibilität zu sorgen, mit besonderen Einrichtungsgegenständen zum Experimentieren einzuladen oder in multifunktionalen Konferenzräumen den Wissensaustausch zu fördern.“


Keine Liegestuhl-Reservierung mit Rollcontainern

Raoul P. Schmid betont aber, dass dabei niemandem seine „Büro-Heimat“ genommen werden soll: „Wir wollen uns und unsere Teams agil ertüchtigen. Trotzdem sind wir der Meinung, dass keine Liegestuhl-Reservierungskultur mit Rollcontainern entstehen darf. Es wird zwar vielleicht für einige oder auch mehrere von uns nicht mehr den einen klassischen Arbeitsplatz geben, wie wir ihn kennen, aber der feste Arbeitsplatz an sich hat definitiv nicht ausgedient. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass man eine handvoll Plätze hat, die man dann je nach Bedarf nutzt und gegebenenfalls auch teilt.“

Raum für Gefühle

So erarbeitet citizenoffice zurzeit ein individuell auf den LIST-Standort zugeschnittenes Konzept, das genau das berücksichtigt. „Der Faktor Mensch rückt bei der Gestaltung neuer Arbeitswelten in den Mittelpunkt“, betont Helge Barthelmes. „Der Kickertisch ist ein gutes Beispiel. Er fördert das zufällige Zusammenkommen und ermöglicht einen Perspektivwechsel. Der große Nachteil hingegen ist, dass an dem Tisch viel Lärm produziert wird.“

Zur Freude von Helge Barthelmes sind sich alle Beteiligten einig, dass Parameter wie diese ein Ausschlusskriterium sind. "Alles zusammen ergibt einen Gesamteindruck für die Arbeitnehmer. Da kommt es auch auf vermeintliche Kleinigkeiten an. Jedes Störgefühl ist eines zu viel“, holt unser Berater aus. "Und apropos Gefühle: Generation Y macht mittlerweile ein Drittel der Arbeitnehmer aus. Diese Generation will sich beispielsweise auf der einen Seite selbst verwirklichen, sucht aber auch das Gefühl von Vertrauen und Transparenz. Und auch das versuchen wir mit unseren Bürowelten zu unterstützen.“


Was willst du wirklich, wirklich tun? 

New Work beginnt im Kopf

Die klassische Arbeitsteilung nach Taylor, in der in Territorien gedacht wird, hat hier keinen Platz mehr. Unsere drei Unternehmen am Essener Standort wollen anders arbeiten: kooperativ und selbstorganisiert. Abteilungs- und auch Unternehmenszugehörigkeit sind zweitrangig und Hierarchien treten in den Hintergrund. Dabei werden wir alles daran setzen, alle Beteiligten gleichermaßen mitzunehmen. Denn in einer Hinsicht haben wir Menschen uns seit der Steinzeit nicht verändert: Fühlen wir uns bedroht, gibt es nur Angriff oder Verteidigung. Wer sich aber erst gar nicht bedroht fühlt, ist offen für Veränderung und damit auch für "New Work“. 


Die neue Arbeit ist nicht das ganze Leben

"Wer sich diese Frage vornimmt, steckt mitten drin – im Thema 'New Work'. Das Konzept geht zurück auf Überlegungen, die der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann schon in den siebziger Jahren angestellt hat, die aber erst heute zum Inbegriff eines grundlegenden kulturellen und strukturellen Wandels unserer Arbeitswelt geworden sind. Die wichtigsten Auslöser hierfür lauten Digitalisierung, Konnektivität, Globalisierung und zunehmender Wohlstand in den entwickelten Industrienationen. Wir arbeiten nicht mehr (ausschließlich), um zu leben, und wir leben nicht mehr, um zu arbeiten. Mich faszinieren diese Entwicklungen sehr und ich erahne die Chancen, die hierin für uns liegen.

Am Anfang steht die Bereitschaft, die eigene Organisation und Struktur, die Strategie und Haltung immer wieder in Frage zu stellen. So kreieren wir an unserem Standort in Essen zum ersten Mal eine Arbeitsumwelt, die stärker als bisher das Prinzip ständiger Kooperation, Kommunikation und Agilität fördert. Dabei haben wir im Kopf, dass eine Transformation beispielsweise ebenso in den Bereichen Organisation und Struktur, Führung und Prozesse sowie Strategie stattfinden muss. Hierbei bleiben wir uns treu und werden sehr pragmatisch schauen, was funktioniert und was nicht.“

– Gerhard List, Vorstand der LIST AG



Bilder: Fotolia (4th Life Photography); citizenoffice



Bauwerk
Ausgabe 04/2018