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Innerer Dialog – ein Interview mit unserem Pflichtbewusstsein.

Die Pflicht ruft – drei Wörter, die wir häufig gerne in die Verdammnis schicken würden. Aber wer oder was ruft da eigentlich? Wir konnten das Pflichtbewusstsein persönlich dafür gewinnen, gemeinsam mit uns über diese Frage zu philosophieren.

Liebes Pflichtbewusstsein, bitte entschuldige, wenn ich jetzt kein Blatt vor den Mund nehme. Aber warum hast Du Dich mit unserem schlechten Gewissen verbündet?

„So geht das schon seit Jahren. Ich bin Schuld und Ihr habt keine andere Wahl. Na klar. Aber keine Sorge, ich habe mir ein dickes Fell angelegt. Ich habe nie verlangt, dass Ihr meinetwegen Eure Verantwortung gegenüber Euch selbst vernachlässigt. Ihr seid doch Euer eigener Herr. Und übrigens: Der Kollege ‚Gewissen‘ neigt – unter uns gesagt – auch hin und wieder zu Übertreibungen.“ 

Du drehst den Spieß also um und gibst uns die Schuld?

„Es geht doch gar nicht um eine Schuldfrage. Wir sollten lieber überlegen, wie wir besser miteinander klarkommen. Dann kann was Gutes dabei herauskommen. Wie wäre es also, wenn ich jetzt den Anfang mache? Ich gebe hiermit offen und ehrlich zu, dass ich mir in der Vergangenheit gelegentlich zu viel herausgenommen habe. Ihr habt zugelassen, dass ich mehr und mehr an Selbstvertrauen gewinne und ich habe das an der einen oder andere Stelle ausgenutzt. Das war nicht die feine englische Art. Sorry dafür!“

Nachdem Du angefangen hast, müssen wir uns jetzt entschuldigen?

„Ach, wir wollen dieses Gespräch ja nicht zu einer Pflichtveranstaltung verkommen lassen. Eines ist mir nur wichtig: Ihr solltet Euch von der Idee lösen, einem Ideal gerecht werden zu können und auch zu müssen. Ihr Menschen steht Euch viel zu häufig selbst im Weg. Ihr müsst mich nicht allein als Maßstab heranziehen. Ganz im Gegenteil sogar. Pflichterfüllung ohne Freiheit, Freiwilligkeit und Mündigkeit haben in dieser Welt schon viel zu viel Schaden angerichtet. Freiheit ohne Verantwortung aber übrigens auch.“ 


"Ihr Menschen steht Euch viel zu häufig selbst im Weg."

Da ist was Wahres dran. Aber welche Rolle sollen wir Dir denn dann zukünftig zuschreiben?  

„Unser Vertrauensverhältnis – sagen wir es mal diplomatisch – könnte besser sein. Das ist klar. Ihr habt mich zuletzt oft als Belastung empfunden und mich mit Füßen getreten. Das war natürlich nicht nett. Aber ich bin ja nicht nachtragend. Wenn Ihr Euch Mühe gebt, können wir vielleicht wirklich Freunde werden. Ich denke, das täte uns ganz gut. Dann halte ich mich auch freiwillig stärker zurück und ziehe mit Euch an einem Strang, versprochen. Und wenn Ihr mich als Ratgeber braucht, bin ich selbstverständlich gerne zur Stelle. Denn meine Pflicht ist es, Euch dabei zu helfen, in Verantwortung gegenüber Euch und auch allen anderen die richtigen Entscheidungen zu treffen.“  

Danke für Deine offenen Worte, liebes Pflichtbewusstsein! 


Bauwerk
Aus der Ausgabe 01/2018