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Eingefroren in der Arktis. Interview mit der Logistikerin der aufwendigsten Polarexpedition aller Zeiten.

Angedockt an eine riesige Eisscholle driftete das Forschungsschiff „Polarstern“ bei der MOSAiC-Expedition ein Jahr lang durch die Arktis.

MOSAiC war die aufwendigste und teuerste Arktis-Expedition aller Zeiten. Während der einjährigen Expedition, die vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) geleitet wurde, versorgten sechs Eisbrecher das Forschungsschiff „Polarstern“ mit Lebensmitteln und Treibstoff, und die Mannschaft wurde viermal ausgewechselt. Insgesamt 442 Wissenschaftler:innen lebten und arbeiteten während des Jahres auf dem Forschungsschiff. Eine riesige logistische Herausforderung. Die Wissenschaftler:innen bauten auf der Eisscholle neben dem Schiff ihr Forschungscamp mit Messstationen auf. Ihr Ziel war es, den Einfluss der Arktis auf das globale Klima besser zu verstehen. 150 Tage verbrachten sie in polarer Dämmerung und Dunkelheit. Kein Schiff ist dem Nordpol im Winter je näher gekommen. Wir haben mit Verena Mohaupt, der Logistikkoordinatorin des Projektes, gesprochen.


Über Verena Mohaupt.

Verena Mohaupt arbeitet am Alfred-Wegener-Institut und hat die Expedition als Logistikkoordinatorin vorbereitet und begleitet. Die 37-Jährige hat dafür gesorgt, dass die Wissenschaftler:innen der MOSAiC-Expedition geschützt vor Eisbären, Kälte und Unfällen sicher im Polareis arbeiten konnten. Mohaupt war insgesamt neun Monate mit an Bord des Forschungsschiffes. Die Physikerin hatte zuvor bereits vier Jahre lang die deutsch-französische Forschungsstation im norwegischen Spitzbergen geleitet. Vom britischen Fachmagazin Nature ist Mohaupt als einer von zehn Menschen geehrt worden, die im Jahr 2020 eine entscheidende Rolle für die Wissenschaft spielten. 


Frau Mohaupt, MOSAiC war die aufwendigste Polarexpedition aller Zeiten. Etwa 100 Menschen lebten und arbeiteten immer gleichzeitig an Bord der „Polarstern“. Wie bereitet man so eine Reise vor?
V. M.: „Ich habe das ja nicht allein gemacht. Wir haben ein tolles Team am AWI und eine Logistikabteilung, die seit Jahrzehnten Expeditionen managt. Einer der Schlüsselpunkte im Vorfeld war die Kommunikation. Wir haben mit Leuten aus der ganzen Welt zusammengearbeitet und mussten alle informieren, was auf sie zukommt, was von ihnen erwartet wird, was sie erwarten können und was wir für Vorgaben haben.“ 

Der Platz an Bord des Forschungsschiffes war begrenzt. 
V. M.: „Ja, wir mussten gucken, was die einzelnen Projekte an Fracht mitbringen, was es für Redundanzen gab und wo wir Engpässe bekommen könnten. Als Vorbereitung haben wir auch Workshops organisiert, Sicherheitstrainings gegeben und für alle Teilnehmenden ein Handbuch entwickelt mit vielen praktischen Tipps zum Arbeiten und Leben in der Arktis.“



Was sollte man vorab über den Alltag in der Arktis wissen? 
V. M.: „Dass alle Installationen mit Reflektoren ausgestattet sind, damit man sie im Dunkeln wiederfindet. Dass im tiefen Schnee Schneeschuhe helfen. Dass man nie ohne Kopflampe nach draußen geht. Dass Skier eine gute Alternative zu Skidoos sind, weil man damit den Fußabdruck verringert, den wir hinterlassen, und weil wir die Messungen nicht verfälschen wollen. Dass es keine Toilette auf dem Eis gibt. Man kann da nicht einfach hinpinkeln, wenn man dort ein Jahr lang arbeitet. Auch, um keine Eisbären anzulocken.“

Sind Sie während der Arktis-Expedition Eisbären begegnet?
V. M.: „Ja, wir hatten viele Begegnungen, zum Teil täglich.“

Gab es auch brenzlige Situationen?
V. M.: „Nein, brenzlig nicht. Was als brenzlig beurteilt wird, hängt natürlich auch immer sehr von den Betrachtenden ab. Wenn Eisbären auftauchten, haben wir die Eisscholle evakuiert. Das heißt, alle Leute, die auf der Scholle gearbeitet haben, wurden wieder zurück auf das Schiff beordert. Das kam regelmäßig vor. Aber das ist ja auch Teil des Gesamtkonzeptes, dass man die Eisbären so früh wie möglich sieht, und dann ist Regel Nummer eins der geordnete Rückzug, damit es gar nicht erst zur wirklichen Konfrontation kommt.“



Was war die größte Gefahr für das Team?
V. M.: „Das ist schwer zu sagen. Die größte Gefahr, weil ständig da und für alle eminent, ist die Kälte. Vielleicht war sie aber auch am einfachsten zu bekämpfen, weil man sich gegen die Kälte einfach richtig anziehen muss. Man kann auch bei minus 30 Grad draußen arbeiten. Natürlich merkt man, dass man mehr Energie verbraucht, dass man abends ganz schön müde ist, wenn man den ganzen Tag draußen war bei den Temperaturen. Aber wenn man gute Kleidung hat, sich schützt und aufeinander achtet, dann ist das nicht gefährlich. Wenn man das nicht tut, ist das allerdings schnell wirklich gefährlich.“ 

Wie lange haben die Vorbereitungen gedauert?
V. M.: „Ich habe 2018 angefangen, für die MOSAiC-Expedition zu arbeiten. In Vollzeit. Aber die ersten Planungen haben schon vor zehn oder elf Jahren begonnen. Die Expedition hatte eine sehr lange Vorlaufzeit.“

Wie war das nach eineinhalb Jahren Vorbereitung, als das Schiff ablegte?
V. M.: „Anstrengend und auch toll. Während der Vorbereitung gab es schon eine krasse Dynamik bei allen Leuten, die an dem Projekt beteiligt waren. Und die ist immer weiter gestiegen. Es gab da so viel zu tun, dass man in einem Sog war. Das hat zu der Zeit auch mein ganzes Leben eingenommen. Als wir dann losfuhren, hatte ich schon Sorge, dass wir etwas Essentielles vergessen haben. Trotzdem war es auch eine gewisse Erleichterung, denn in dem Augenblick war klar: Wenn wir etwas vergessen haben, können wir es nicht mehr ändern und müssen damit klarkommen. Ein gewisser Druck ist da schon abgefallen.“



Ist es nicht anstrengend, monatelang im Dunkeln zu leben?
V. M.: „Was die Polarnacht mit dem Körper und der Psyche macht, ist individuell sehr unterschiedlich. Mich stört die Polarnacht überhaupt nicht. Ich habe auch noch nie gemerkt, dass sie mich müde macht.“

Woher hatten Sie das Wissen über das Leben in der Arktis? Im Physikstudium lernt man das ja nicht.
V. M.:„Das habe ich tatsächlich vom Leben und Arbeiten in Spitzbergen. Dort habe ich vier Jahre lang die Klimaforschungsstation des AWI geleitet. Ich bin auch nicht Expertin für alles, es gibt viele erfahrene und gute Leute, die ich fragen konnte.“

Wollten Sie immer schon in der Arktis arbeiten?
V. M.: „Nein, es hat sich so entwickelt. Teil der Expedition zu sein, war schon ziemlich gigantisch und großartig, aber ich habe keinen lebenslangen Plan verfolgt. Im Nachhinein gesehen baut schon alles irgendwie aufeinander auf, aber das waren einfach Gelegenheiten, die ich wahrgenommen habe.“



Was war für Sie im Rückblick das Besondere an der MOSAiC-Expedition? 
V. M.: „Es war schon sehr beeindruckend zu erleben, wie alle Dinge zusammenhängen. Zu sehen, wie die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen über diesen Zeitraum hinweg kontinuierlich die Region untersucht und so gut zusammengearbeitet haben. Die Interdisziplinarität ist unglaublich wichtig. Der Klimawandel wird durch so viele Dinge beeinflusst, dass man immer über den Tellerrand blicken muss. Das ganze Projekt basiert auf so vielen kleinen Einzelheiten, die nur als Team funktionieren konnten. Das hätte niemand allein stemmen können.“

Ziel der Expedition war es, die Zusammenhänge des Klimawandels zu untersuchen. Welche Erkenntnisse haben Sie persönlich mitgenommen?
V. M.:„Ich habe ja selbst nicht wissenschaftlich gearbeitet und keine Messdaten genommen, aber trotzdem bekommt man viel mit von den Projekten. Es war mein erstes fast volles Jahr im arktischen Meereis, und es war schon schockierend zu erleben, wie schnell und krass sich diese Region verändert hat und wie rapide der Klimawandel sich zeigt. Selbst diejenigen, die seit Jahren aktiv im Meereis forschen, waren erstaunt, wie schnell der Klimawandel die Region verändert. Wenn man hautnah erlebt, was auf dem Spiel steht, bekommt der Klimawandel noch einmal eine ganz andere Dringlichkeit.“ 

Wann geht es wieder in die Arktis?
V. M.: „Ich hoffe, dieses Jahr wieder. Aber das steht noch nicht fest, auch wegen Corona. Ich kümmere mich noch um die Station in Spitzbergen, in der ich lange war, und möchte auch gern dort wieder hin.“


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Die MOSAiC-Expedition.

Das Forschungsschiff „Polarstern“ war von September 2019 bis Oktober 2020 unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in der Arktis unterwegs. Es ließ sich an einer zwei mal drei Kilometer großen Eisscholle festfrieren, um mit ihr durch den Polarwinter zu driften. Als die Corona-Pandemie ausbrach, stand das aufwendige und jahrelang vorbereitete Forschungsprojekt zwischenzeitlich vor dem Abbruch. Eigentlich sollte das Team auf dem Forschungsschiff Anfang April 2020 ausgewechselt werden. Auf der treibenden Eisscholle war dafür bereits eine Landebahn präpariert worden. Doch wegen der Pandemie waren alle Flughäfen rund um den Nordpol geschlossen und auch kein Eisbrecher durfte mehr ablegen. Nach einigen Wochen des Bangens konnte das Team für den letzten Abschnitt der Expedition schließlich mit einem Eisbrecher im Mai in Bremerhaven losfahren und erreichte das Forschungsschiff im Juni, um die Besatzung und Wissenschaftler:innen für den letzten von fünf Fahrtabschnitten auszutauschen.

Weitere Informationen zu der Expedition: 
www.mosaic-expedition.org



Teaser und Titel: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath (CC-BY 4.0)