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"Dienen heißt nicht, sich klein zu machen." – Anselm Grün zu Pflicht und Freiheit.

Die Pflicht zu einer Tugend machen. Das ist das Geheimnis von Pater Anselm Grün. Er zeigt Spielräume auf, wie man aus der ungeliebten Pflichterfüllung eine Freude für sich selbst und andere macht.

Wir loben einen Menschen, der pflichtbewusst ist. Wir können uns auf ihn verlassen. Er tut das, was ihm aufgetragen ist. Für viele von uns hat Pflicht jedoch eher einen negativen Beigeschmack.

In der Nazizeit haben Aufseher im KZ sich damit herausgeredet, dass sie nur ihre Pflicht getan haben. Damit wurde der Begriff der Pflicht verfälscht. Die damalige Maxime: Es genügt, seine Pflicht zu tun – ohne genauer hinzuschauen. Die eigene Moral und das Gewissen wurden nicht als Maßstab herangezogen. 


Das deutsche Wort „Pflicht“ kommt eigentlich von „pflegen“.

Es hat also einen positiven Charakter. In der Pflicht pflege und diene ich Menschen. Doch „pflegen“ wird im Deutschen auch anders verwendet: Wie etwas zu sein pflegt. Das drückt dann mehr ein Sollen aus. Ich soll das tun, weil das so üblich ist. In diesem Sinn erleben viele von uns die Pflicht als eine Last. Wir haben den Eindruck, dass da jemand etwas von uns will, was uns die Lust und Laune verdirbt. Und meinen, wir könnten nur gut arbeiten, wenn wir Spaß daran haben. Aber Pflichtbewusstsein bedeutet nicht, dass ich keine Freude an meiner Arbeit habe. Wenn ich „Ja“ sage zu dem, was mir aufgetragen ist an Arbeit – als Pflege für die Menschen –, dann kann ich diese auch mit Freude erledigen. Wenn ich meine Pflicht erkannt habe, dann werde ich nicht nur vollbringen, was mir aufgetragen ist. Ich werde meine Pflicht auch möglichst gut erfüllen. Ich werde überlegen, wie ich kreativ mit den Pflichten umgehen und neue Ideen entwickeln kann, um die Arbeit besser und fantasievoller zu tun.

Auf das „Wie“ kommt es an

Manchmal sagen wir auch, dass jemand nur seine Pflicht erfüllt. Er denkt nicht mit. Er tut nur, was ihm aufgetragen ist. Aber er schaut nicht nach rechts und links. Das ist zu wenig. Wenn wir unsere Pflicht erfüllen, müssen wir immer auch daran denken, wie wir unsere Arbeit möglichst gut machen können, damit sie wirklich Segen bringt. Wir denken manchmal an sture Beamte, die nur ihre Pflicht erfüllen, aber sich wenig um die Menschen kümmern. Sie sind nicht in Beziehung zu den Menschen, für die sie da sind. Das ist dann eine kalte Pflicht. Die Pflicht zu erfüllen, bedeutet immer auch, in Beziehung zu den Menschen zu sein, für die wir arbeiten. Wir sollen überlegen, was den Menschen weiterhilft. Die Pflicht erfüllen ist ein Dienst an den Menschen. Und dienen heißt nicht, sich klein zu machen. Dienen heißt vielmehr: dem Leben dienen. Wir tun unsere Pflicht, damit andere Menschen es besser haben, damit ihr Leben aufblüht. Dienen heißt: Leben wecken in den Menschen. 

Der Spielraum will richtig genutzt werden

Wenn wir unsere Pflicht erfüllen möchten, dann müssen wir das narzisstische Kreisen um uns selbst aufgeben. Wir lassen uns auf die Arbeit ein, die uns aufgetragen ist. Geben uns ihr hin. Und wenn wir hingebungsvoll arbeiten, dann wird uns die Arbeit Freude bereiten. Und wir werden die Pflicht nicht als Last empfinden, sondern als etwas, was uns gut tut. Die Psychologie sagt: Glücklich wird der Mensch, bei dem das Leben in Fluss kommt, der bei der Arbeit ein Flow-Gefühl hat. Das Flow-Gefühl hängt aber nicht nur von der Arbeit ab, die mir aufgetragen ist, sondern von der Einstellung, mit der ich meine Arbeit verrichte. Wer die Pflicht nur als etwas Fremdes empfindet, das ihm seine Freiheit raubt, der wird bei seiner Pflichterfüllung nicht glücklich. Er fühlt sich immer als Opfer, dem man so viel auflädt. Doch wenn wir nicht Abschied nehmen von der Opferrolle, werden wir mit unserer Pflichterfüllung auch keinen Segen bringen. Denn von einem Opfer geht immer eine aggressive Energie aus. 


Wir sind frei darin, wie wir die Pflicht erfüllen.


Wir leben immer in der Spannung zwischen dem, was uns vorgegeben und aufgetragen wird, und der Art und Weise, wie wir das Aufgetragene ­– die Pflicht – erfüllen. Und da bleibt jedem ein Spielraum. Wir sind frei darin, wie wir die Pflicht erfüllen. Und daher müssen wir auch kreativ mit unserer Pflicht umgehen. Wir suchen für uns einen Weg, wie wir die aufgetragene Arbeit möglichst effektiv und kreativ erledigen können und wie wir mit unserer Arbeit für andere Menschen zum Segen werden. 


Zur Person 

1945 im fränkischen Junkershausen geboren, trat Pater Anselm Grün im Alter von 19 Jahren in den Benediktinerorden ein. Er studierte Theologie, Philosophie und BWL und hatte viele Jahre den Posten des Cellerars, des Wirtschaftschefs, seiner Abtei Münsterschwarzach inne. Heute ist er 73 Jahre alt und ein Medienstar, der es versteht, Menschen zu bewegen. Seine gut 300 Bücher haben sich mehr als 20 Millionen Mal verkauft. Die Themenschwerpunkte stammen aus seiner seelsorgerischen Praxis. Das Schreiben bietet ihm dabei die Möglichkeit, ausführliche und fundierte Antworten zu geben, die er in Gesprächen in dieser Tiefe nicht geben kann.


 

Fotos: picture alliance: dpa, David Ebener



Bauwerk
Aus der Ausgabe 01/2018