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Der Stammtisch hinter dem Gemüseregal – wenn aus Kunden auch Betreiber werden.

Der letzte Lebensmittelladen schließt, die Bankfiliale ist längst wegrationalisiert worden und für die Dorfgaststätte findet sich kein Nachfolger mehr. Institutionen, die das Zusammenleben geprägt haben, schließen für immer ihre Türen. Die Dorfbewohner von Schapdetten haben eine Genossenschaft gegründet, um ihr Dorf zu retten.


"Gemeinsam für Schapdetten"

Zwischen Mett und Mohnstriezel erfährt man, wer gestorben ist, wer entbunden hat und wer heiraten wird. Die Wurst- und Brottheke des kleinen Lebensmittelladens ist der Treffpunkt des Dorfes. Elke Heisterkamp begrüßt hier jeden Kunden herzlich, fast alle kennt sie mit Namen. Während die Verkäuferin Wurst schneidet, Brötchen einpackt und Käse abwiegt, werden wichtige Ereignisse diskutiert, vom Schützenfest bis zur Weltpolitik.

Heisterkamp arbeitet seit fünf Jahren im Dettener Dorfladen. Ebenso wie ihre sieben Kolleginnen ist sie allerdings nicht von einem Geschäftsinhaber angestellt, sondern von einem Teil der Dorfbewohner. Denn die Schapdettener haben eine Genossenschaft gegründet und das Lebensmittelgeschäft selbst eröffnet. „Gemeinsam für Schapdetten“, wie es auf einem Schild im Eingang steht. Viele Kunden sind gleichzeitig Mitglied der Genossenschaft, und damit auch Teilhaber des Ladens, in dem sie einkaufen.


Die kleinen Geschäfte haben es nicht leicht.


Schapdetten, knapp 1.400 Einwohner, umgeben von Mais- und Weizenfeldern. Bis Münster sind es gut 20 Kilometer. Früher gab es in dem Dorf einen Metzger, einige Lebensmittelläden und Gaststätten, zwei Bankfilialen, eine Poststelle und eine Tankstelle. Je länger Walburga Niemann, 50 Jahre, nachdenkt, desto mehr Geschäfte fallen ihr ein, in denen sie als Kind eingekauft hat. Erst schloss einer der Lebensmittelläden, als nächstes die Post, schließlich der Metzger. Bis nur noch eine kleine Bäckereifiliale übrig blieb.

Wer Anteilseigner ist, identifiziert sich auch eher mit seinem Dorfladen. Und das stärkt die Kundenbindung.

Als die auch ankündigte, ihren Betrieb einzustellen, weil es sich nicht mehr rechnete, beschlossen die Dorfbewohner, selbst etwas zu unternehmen. Walburga Niemann war eine von ihnen. Sie informierten sich bei anderen genossenschaftlichen Projekten, schauten sich an, welche Konzepte gut funktionierten und welche nicht. „Für uns war schnell klar, dass wir die Leute mitnehmen müssen“, sagt Niemann.

Auch Niemann, die sich seit der Gründung im Aufsichtsrat der Genossenschaft engagiert, kauft heute fast alle ihre Lebensmittel im Dorfladen ein. Während sie in der kleinen Café-Ecke sitzt und von den Anfängen des Ladens erzählt, geht immer wieder die Tür auf. Viele Kunden kommen nach der Arbeit noch kurz vorbei. Ein Mann kauft Brötchen, der nächste sucht Grillanzünder, zwei Frauen unterhalten sich an der Käsetheke, ein Kind holt sich ein Eis aus der Gefriertruhe. Durch die große Fensterscheibe blickt man auf die Dorfstraße, ein Rennradfahrer fährt vorbei, hinter ihm ein Trecker. Der große Landgasthof auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht leer.

 

Irgendetwas fehlte.

Wie den Bewohnern von Schapdetten geht es bundesweit vielen Menschen in ländlichen Regionen. Der letzte Lebensmittelladen im Ort schließt, weil es sich nicht mehr rentiert. Die Bank- und Postfilialen sind längst wegrationalisiert worden und für die letzte Dorfgaststätte findet sich kein Nachfolger mehr. Es sind Institutionen, die oft über Jahrzehnte das Zusammenleben der Menschen geprägt haben. Zurück bleiben Dörfer, in denen nicht nur die Nahversorgung fehlt, sondern auch Orte, an denen man sich treffen kann. An denen die Menschen sich im Alltag über den Weg laufen, sich austauschen und miteinander ins Gespräch kommen. Ariane Richert erinnert sich daran, dass irgendetwas fehlte. Seitdem der Dorfladen geöffnet hat, gibt es aber wieder einen Treffpunkt im Ort, an dem sich ausgetauscht werden kann. 


Ewigen Nörglern zum Trotz.


Als Niemann, Richert und die anderen Mitstreiter damals die Idee mit dem Dorfladen hatten, gab es allerdings auch skeptische Stimmen. „320 Anteile mussten wir verkaufen, jeweils für 250 Euro, damit wir das Startkapital für den Laden hatten“, erinnert sich Niemann. Sechs Wochen Zeit gaben sie sich dafür. Anfangs ging es nur schleppend voran. Schließlich gelang es ihnen noch, die Lokalzeitung einzubinden. Am Ende verkauften sie 370 Genossenschaftsanteile. Die Räume renovierten sie größtenteils mit ehrenamtlichen Engagement. Die Kühltruhen und Möbel kauften sie gebraucht.

Deutschlandweit gibt es mehr als 200 Dorfläden, die als Genossenschaften gegründet wurden. In der Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden haben sich viele der Initiativen zusammengeschlossen. Nicht alle sind so erfolgreich wie der Dettener Dorfladen. Manche geben nach wenigen Monaten oder Jahren auf. Es gibt aber immer mehr Geschäfte, die auch über Jahre oder Jahrzehnte hinweg erfolgreich bestehen. Im niedersächsischen Otersen betreiben die Bewohner schon seit 2001 einen eigenen Dorfladen.

Das Wunschbuch an der Theke.

Von 6:30 bis 18:30 Uhr ist der Dorfladen geöffnet - sieben Tage in der Woche. Es gibt frische Brötchen und Brote. „Natürlich gibt es auch Leute, die sagen, dass es ihnen hier zu teuer ist“, erzählt Richert. Denn Preise wie im Discounter können sie nicht bieten. Und 20 verschiedene Joghurt-Sorten gibt es auch nicht. Dafür bieten sie viele Produkte an, die aus der Region kommen. Und an der Theke liegt ein Wunschbuch aus. Möchte ein Kunde einen bestimmten Mango-Joghurt, vegetarische Schinken Spicker oder eine spezielle Saftsorte, wird das bestellt. Dafür haben sie mit dem Großhändler vereinbart, dass der Dorfladen Waren auch in ganz kleinen Mengen bestellen kann.

Längst ist der Dettener Dorfladen mehr als nur ein Nahversorger. Jeden Tag herrscht reges Treiben. Zuerst waren es fünf, sechs Männer, die zum Stammtisch kamen. Jede Woche wurden es mehr. Mittlerweile zwängen sich bis zu 20 Herren für ihren Stammtisch zwischen die Gemüseabteilung und die Getränkeregale. Es wird geschimpft, gelacht und die Lage in Schapdetten und der Welt diskutiert. „Mittwochs ist hier was los“, sagt Elke Heisterkamp. Bis Punkt 12:00 Uhr. Dann springen die Herren auf, rufen Elke Heisterkamp noch einen Gruß zu und eilen hinaus. Ihr Mittagessen wartet.


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