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Monster, Kobolde und ein Dackel – zu Gast beim Figurenschneider.

Norman Schneider entwirft und baut berühmte Puppen. Seine skurrilen, gruseligen, komischen und liebenswürdigen Wesen treten in Fernsehserien, TV-Shows, Musikvideos, Werbespots und auf Theaterbühnen auf. Wir haben ihn in seiner Werkstatt besucht und unter anderem nachgefragt, wie es ist, diesen Beruf auszuüben und ob es sich davon leben lässt.

Norman Schneider ist Figurenschneider. Der 47-Jährige macht Filmpuppen, Klappmaulfiguren, Stab- und Handpuppen. Das klingt nach einem etwas antiquierten Beruf und er wird oft gefragt, ob man denn davon leben könne. „Ja“, sagt er, „sehr gut sogar.“ Voraussetzung ist natürlich, dass die Figuren professionell und qualitativ hochwertig sind, dass die Kunden sich auf ihn verlassen können. In der Figuren-Szene ist Schneider längst bekannt, kann sich seine Aufträge aussuchen. 

 

Einmal klingelte jemand an der Haustür und wollte den Raben Rudi sehen. So etwas passiert aber selten. Zum Glück, sagt Norman Schneider. Schließlich ist sein Atelier kein Filmstudio. Trotzdem sitzt Rabe Rudi, die bekannte Figur aus der ZDF-Kinderserie „Siebenstein“, auf dem Regalbrett in seinem Atelier. Wie so viele weitere bekannte Puppen hat Norman Schneider sie selbst geschaffen. Figuren mit außergewöhnlichen Charakteren, die in Filmen, Fernsehshows, Musikvideos, Werbespots oder auf Theaterbühnen auftreten. Alle handgemacht. Aus Schaumstoff, Federn, Samt, Baumwolle, Plastikaugen, Filz und Holz.

Er entwirft skurrile, kauzige, schöne, gruselige, komische und liebenswürdige Wesen. Figuren, die an der Seite von Schauspielern oder Bauchrednern auftreten, die im Scheinwerferlicht auf Theaterbühnen tanzen oder seit Jahren eine Hauptrolle in bekannten Fernsehserien spielen. 
 


70 bis 80 Figuren pro Jahr.


Ein Einfamilienhaus in Sassenberg, einem kleinen Dorf im Münsterland. Schneider bittet hinein in sein Atelier, es geht die Treppe hinauf in den ersten Stock. In den hellen Raum fällt von mehreren Seiten Sonnenlicht herein, ein großes Fenster erstreckt sich vom Fußboden bis hinauf unter das Dach. Zwei Wände sind in warmen Gelbtönen gestrichen. Auf einer Arbeitsplatte stehen Nähmaschinen. Farben, Nähgarn, Knöpfe und Plastikaugen, alles ordentlich sortiert und aufgeräumt. Auf dem großen Tisch ein Becher voll mit Pinseln. Daneben liegt die Figur, an der Schneider derzeit arbeitet. Eine Klappmaulfigur für die Niedersächsischen Landesforsten. Der Kiefernkobold soll die Waldpädagogen bei der Arbeit mit Kindern zum Thema Naturschutz begleiten. 

Auf der anderen Seite des Raums hängt ein großes, leuchtend rotes Monster mit hellgrünen Hörnern, in seinem breiten Maul sind schiefe Zähne, sein Körper besteht aus feinen Federn. Schneider steckt seine Arme hinein, reißt das Maul auf, verstellt seine Stimme und erweckt das Monster zum Leben. Was ein menschlicher Schauspieler mit wenigen Gesten zum Ausdruck bringt, muss er mit starken Farben, breiten Mäulern, großen Augen und überzeichneten Gesichtsmerkmalen nachahmen. 
 

Schneider entwirft, zeichnet, näht, bezieht, klebt, malt und modelliert jedes Jahr etwa 70 bis 80 Figuren. Meist sind es seine eigenen Kreationen, manchmal auch Kopien berühmter Originale. Auf Regalbrettern und Tischen hängen, liegen und sitzen einige von ihnen. Astrid Lindgren, Kater Kurt, der Rabe Rudi, ein Monster mit scharfen Zähnen, ein grünes Wesen mit einer sehr langen Nase, ein Kobold mit spitzen Ohren und ein Dackel. Wobei der Dackel das einzige Wesen ist, das sich von allein bewegt. Es ist Schneiders Hund Pelle, der aus seinem Körbchen springt, um die Besucher zu begrüßen. 
 


Vier Meter große Bären.


Als die Fernsehsender rbb, MDR und Kika beschlossen, neue Folgen der Pittiplatsch-Geschichten für die Sandmännchen-Sendung zu drehen, erhielt Schneider den Auftrag für die Neugestaltung der Puppen. Seit 1991 liefen nur noch Wiederholungen der beliebten Abendserie, die in der DDR gedreht worden war. Und die Originalpuppen waren nicht mehr im Fundus. Schneider hat sie noch einmal neu geschaffen und an die heutige Zeit angepasst, ohne sie allzu sehr zu verändern. Es war ein langer Prozess, ein Jahr dauerte es, bis 2019 der braune Kobold Pittiplatsch, der Hund Moppi und die Ente Schnatterinchen fertig waren.
 

In der Regel vergehen vom Entwurf bis zur Fertigstellung einer Figur zwei bis drei Monate. Manchmal auch weniger. Wie bei den Bären, die Schneider für die Bühnenshow des Comedians Atze Schröder genäht hat. Für sie hatte er kaum zwei Wochen Zeit. Drei Tiere je vier Meter groß, die mit einem Gebläse in Form gebracht wurden. Für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat Schneider fünf Monster entworfen, darunter Feig Feigwarze, Trippo Tripper und Philis Syphilis. Mit den Monstern hat die Bundeszentrale dann Werbespots gedreht, um über sexuell übertragbare Krankheiten zu informieren. Schneider selbst war auch als Puppenspieler daran beteiligt.


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Seit er denken kann, wollte er Puppenspieler werden. Schon als Kind hat er selbst Figuren geschneidert und Marionetten gebastelt. Seine Eltern rieten ihm, nach der Schule eine Banklehre zu machen. Etwas Solides. Als er darauf beharrte, Puppenspieler zu werden, hatten sie sein finanzielles Fiasko vor Augen. Der Kompromiss war schließlich eine Schreinerlehre. Direkt im Anschluss bewarb Schneider sich bei der Niekamp Theater Company in Bielefeld und ließ sich dort zwei Jahre lang zum Puppenspieler ausbilden. Vier weitere Jahre blieb er im Ensemble. Es war eine tolle Zeit, sagt er. Aber irgendwann war es zu viel, manchmal spielte er fünf Vorstellungen am Tag. Er wollte die Puppen nicht mehr nur führen und ihnen eine Stimme geben. Er wollte sie vor allem selbst bauen. Und hatte auch schon reichlich Erfahrungen beim Reparieren der Puppen gesammelt.
 


Von der Bühne in die Werkstatt.


14 Jahre ist es her, dass Schneider sich selbstständig machte und sein eigenes Atelier gründete. Klar, es war ein Sprung ins kalte Wasser. Er hat sich anfangs auch gefragt, ob es wohl klappen würde. Hat sieben Tage in der Woche gearbeitet. Doch dann hat er sich einfach bei Theatern und Filmproduktionen vorgestellt, ist in die USA geflogen und hat seine Figuren dem bekannten Unterhaltungsunternehmen Jim Hensen Company angeboten. Und es hat funktioniert. „Ich hatte noch nie Leerlauf“, sagt er. Die Auftragsbücher für die kommenden Monate sind voll. „Wichtig ist es, als Figurenschneider seine eigene Handschrift zu finden“, sagt er. „Es macht keinen Sinn, nur seine Meister zu kopieren.“
 


Über 380 Arbeitsstunden für den Igel.


Schneider hat eine Mitarbeiterin fest angestellt und arbeitet mit einem weiteren freiberuflichen Puppenbauer zusammen, außerdem mit drei Schneidern, die die Puppen einkleiden. Zwischen 1.000 und 10.000 Euro kostet eine Figur, wenn sie fertig ist. In der Regel braucht er für eine Puppe 60 bis 80 Stunden. Die Figur des Märchens Hans mein Igel war eine der aufwendigsten Puppen. Über 380 Arbeitsstunden arbeiteten Schneider und seine Mitarbeiter daran, bis aus Schaumstoffplatten die Klappmaulfigur wurde. Für sein Stachelkleid mussten sie 1.500 Holzspieße lackieren und anschließend patinieren.

An der Wand hängt ein großes Bild mit Zeichnungen, alles Figuren, die Schneider schon gebaut hat. Für das Berliner Museum für Film und Fernsehen hat er Tiffy aus der Sesamstraße geschaffen. Eine bekannte Figur nachzubauen, sei eine der schwersten, schönsten und undankbarsten Aufgaben, sagt er. Schließlich muss sie genauso aussehen wie ihr Original. Meist dauert es schon sehr lange, die passenden Materialien dafür zu finden, alles muss genau stimmen.
 

Manchmal ist Schneider froh, wenn er sich von seinen Figuren trennen muss. Wenn der Bau ein langer und komplizierter Prozess war. Manchmal schmerzt es ihn aber auch, sie ziehen zu lassen. Und wenn er sie dann im Fernsehen oder auf der Bühne sieht? „Das ist seltsam“, sagt er, „meine Puppen in einem fremden Umfeld zu sehen.“ Manche Figuren sind aber auch zu treuen Mitbewohnern geworden. Schneider holt die Figur mit dem breiten Mund und den spitzen, abstehenden Ohren hervor, die an den Kobold Griphook aus der Harry-Potter-Geschichte angelehnt ist. Es ist eine der wenigen Figuren, die Schneider nicht als eine Auftragsarbeit gebaut hat, sondern für sich selbst. Wenn er zwischendurch noch einmal Zeit hätte, würde er sich noch mehr Figuren ausdenken. Am liebsten baut er ganz skurrile Charakter. Zum Beispiel eine Hexe mit 1.000 Warzen. 

 


Fotos a|w|sobott, Norman Schneider