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Den richtigen Riecher haben – Interview mit Start-Up-Coach Felix Thönnessen.

1975 entwickelte ein Ingenieur von Kodak die erste Digitalkamera. Der Filmriese ließ die Innovation liegen – und ist heute insolvent. Unser Gast Felix Thönnessen berät Jungunternehmer dabei, wie sie solche Fehler vermeiden und wie man mit Ideen Geld verdient.

Kodak, ist Ihnen ein Begriff, oder?

1975 entwickelte Steven J. Sasson, junger Ingenieur bei dem damals weltgrößten Produzent von Fotofilmen, die erste digitale Kamera. Was für eine Innovation! Das riecht doch förmlich nach Erfolg, nach einem Durchbruch in der Branche! Kodak sah das seiner Zeit anscheinend vollkommen anders. Kaum zu glauben, aber der Markenhersteller zögerte und lies die Innovation einfach links liegen. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen… Jetzt fragen Sie sich zu Recht: warum?

Der einstige Pionier hielt die Erfindung zurück, weil er sein Geschäft nicht gefährden wollte. Er setzte akribisch auf sein Steckenpferd, die analoge Fotografie. Ein fataler Fehler. Von dieser Entscheidung erholte sich Kodak langfristig nicht mehr – die Konkurrenz zog vorbei, 2012 meldete der Konzern Insolvenz an. Es geht auch anders – Felix Thönnessen, Deutschlands bekanntester Start-up Coach und TV-Experte, verrät uns wie:


Herr Thönnessen, Sie beraten und coachen Gründer tagtäglich – mit welchem Typ Mensch haben Sie es dort zu tun?

Wenn man sich die Gründerszene in Deutschland anschaut, dann ist der Anteil an den 20- bis 40-jährigen Gründern überproportional hoch. Und es gründen definitiv mehr Männer als Frauen ihr eigenes Start-up. Nichts desto trotz würde ich hier nicht von dem einen Typ Mensch sprechen. Natürlich gibt es ganz klischeehaft die jungen, hippen, Sneaker tragenden Typen in Berlin. In den Bereichen Hoch- technologie, Natur und Medizin sind dagegen aber auch Gründer weit über 40 Jahren zu finden. Die Start-up-Szene ist vielfältig – kein Gründer, den ich bisher gecoacht habe, gleicht einem anderen.


Kennen Sie den Begriff „Kawuppdich“?

Was macht einen Gründer aus Ihrer Sicht aus?

Kennen Sie den Begriff „Kawuppdich“? Das sagen wir bei uns im Rheinland. Es ist ein Synonym für Stärke und bedeutet, dass man mit Leidenschaft und Energie an ein Projekt herangeht. Es ist wichtig, dass Start-ups für ihre Idee brennen. Und zwar langfristig. Dann ist natürlich der Vertrieb das A und O. Eine gute Idee ist das eine, aber der Verkauf das andere. Leider haben die wenigsten Gründer davon eine Ahnung. Sie müssen die notwendigen Fähigkeiten erlernen oder Profis auf diesem Gebiet dazuholen. Das verlangt Wissbegierde, Lernbereitschaft und Offenheit. Entscheidend ist darüber hinaus, dass Gründer mit Rückschlägen umgehen können. Klingt banal, aber das kommt in diesem Business zwangsläufig auf sie zu. Verstehe, eine gewisse Lebenseinstellung gehört also auf jeden Fall dazu.

Würden Sie sagen, dass man das Gründerdasein auch lernen kann?

In der Tat. Es ist nicht so, dass ein Start-upler mit bestimmten Charakterzügen geboren wird. Ganz im Gegenteil sogar: Es gehören viele Eigenschaften dazu, die man sich erst einmal aneignen muss. So eine Unternehmensgründung bedeutet vor allem, sich als Gründer persönlich weiterzuentwickeln.

Man bleibt also nicht der, der man einmal war. Verstehe ich Sie da richtig?

Die meisten Gründer machen sich mit ihrem Start-up zum ersten Mal selbstständig. Da ist die Veränderung natürlich sehr groß. Der Gang zum Gewerbeamt ist vergleichsweise einfach, wenn man den eigenen Entwicklungsprozess dagegenhält, der mit dieser Entscheidung – ein eigenes Business zu gründen – losgetreten wird. Man verlässt seinen bisherigen Job, gibt die finanzielle Sicherheit auf und stellt sich mit seiner Geschäftsidee einer ganz neuen Herausforderung. Und auf eine andere Seite. Plötzlich verliert man den „risikofreien“ Angestelltenstatus. Das ist ein extrem emotionaler Punkt, der zum alltäglichen Wahnsinn dazukommt. Einige Gründer gehen gut und gestärkt aus dieser Anfangsphase heraus, vielen macht es aber durchaus zu schaffen und sie zerbrechen daran.


Das ist ein extrem emotionaler Punkt, der zum alltäglichen Wahnsinn dazukommt.

Und wie schaffen es Jungunternehmer, mit dieser neuen Situation umzugehen?

Sie müssen offen sein. Für konstruktive Kritik, Ratschläge oder sogar externe Partner. Es ist doch vollkommen normal, dass ungewohnte Situationen uns verängstigen, aber Gründer sollten nie das Potenzial aus den Augen verlieren. Schließlich ist ihre Begeisterung für ein Produkt, eine Dienstleistung oder ähnliches doch überhaupt erst der Beginn von Neuem. Ich lege den Gründern daher oft ans Herz, sich aktiv – auch mit anderen Start-ups – auszutauschen. Dieser Reifeprozess, den Jungunternehmer an dieser Stelle durchmachen, ist immens wichtig. Sie wachsen wortwörtlich an ihren Aufgaben und entwickeln ihr Unternehmen weiter.

Kommen wir zu dem, was Gründer überhaupt erst antreibt: ihre Idee. Muss das Rad immer neu erfunden werden oder können Start-ups auch auf Altbewährtes setzen?

Viele junge Gründer wachsen heute mit der Digitalisierung auf und stehen unmittelbar mit ihr in Berührung. Da lassen sich einige Innovationen kreieren, aber es sind eben nicht alle digital getrieben. Ein Food-Start-up kann beispielsweise mit einem innovativen Package an den Markt gehen. Und ein anderes simples Produkt kann mit den richtigen Marketingmaßnahmen ebenfalls erfolgreich sein – die Jungs von „Little Lunch“ sind mit ihren Bio-Suppen im Glas der Renner. Es muss nicht immer die eine neue Erfindung sein. Mit Blick auf den Markt sind die meisten Start-Up-Ideen ohnehin keine Neuheiten, sondern Weiterentwicklungen von bestehenden Produkten.'
 

Experten sagen, dass nur eines von zehn Start-ups richtig erfolgreich wird. Was raten Sie Gründern, wenn einmal nicht alles nach Plan läuft?

Es ist die Regel, dass nicht alles nach Plan läuft. Selbst wenn man jegliche Eventualitäten berücksichtigt und „was wäre wenn“-Fälle durchspielt (und das sollte man definitiv tun!), kann man nicht alles vorhersehen oder gar wissen. Das gehört eben dazu. Die Frage ist eher, wie gehe ich mit einer Problemsituation um und wie komme ich gestärkt wieder aus ihr heraus. Darauf müssen Gründer eine Antwort wissen.

Was uns jetzt noch brennend interessiert: Was glauben Sie, können sich Unternehmen von Start-ups abgucken?

Tatsächlich eine ganze Menge. Nehmen wir das Stichwort Geschwindigkeit: Die kurzen Entscheidungswege und beschleunigten Prozesse von Start-ups haben viele Vorteile. Sie erkennen Trends und Innovationen schneller und machen diese nutzbar. Im Bereich Human Resources ist es die gelebte Mentalität – agile Arbeitsmethoden, das Abschaffen von Jobtiteln oder transparente Löhne –, die den Unterschied macht. Allein strukturbedingt lassen sich solche Modelle nicht auf alle Unternehmen übertragen, aber es gibt auch andere Möglichkeiten, vom Start-up-Spirit zu profitieren.
 

Und die wären?

Beispielsweise indem Start-up Units im eigenen Unternehmen geschaffen werden. Es sind aber auch langfristige Kooperationen, Arbeiten auf Projektbasis oder Nachwuchsförderungen in diesem Gebiet denkbar, um diesen besonderen Spirit und Enthusiasmus als Innovationsmotor zu nutzen. So hat ein regionaler Energiekonzern, mit dem ich zusammengearbeitet habe, seine Innovationsbereitschaft signalisiert, indem er bei einem Wettbewerb Gründer aus dem Bereich Elektrizität und E-Mobilität gesucht hat. Ein Paradebeispiel dafür, dass Unternehmen Start-ups nicht als Gefahr, sondern viel mehr als Chance betrachten sollten.

Danke für Ihre Zeit Herr Thönnessen.


Zum Autor

Nach seinem Marketingstudium startete Felix Thönnessen in die Arbeitswelt – wie man das eben so macht. Aber schnell war klar, dass er die Dinge lieber selbst in die Hand nimmt. Heute – drei veröffentlichte Bücher, 23 gegründete Unternehmen und über 1.200 beratene Start-ups später – ist Felix Thönnessen Deutschlands bekanntester Start-up-Coach und TV-Experte. Mit seinen Erfahrungen aus mittlerweile zehn Jahren Gründungsberatung hat er seit 2014 die Kandidaten der VOX Gründershow „Die Höhle der Löwen“ perfekt auf ihren Pitch vorbereitet. Als Keynote Speaker, Moderator und Mentor tourt er durch ganz Europa, begeistert Menschen und unterstützt sie dabei, ihren eigenen Traum zu verwirklichen.



Experten sagen, dass nur eines von zehn Start-ups richtig erfolgreich wird.

Wir haben zwei gute Paradebeispiele von Unternehmen, die es geschafft haben und mit neuen Ideen durchgestartet sind.


einhorn condoms

Fair, nachhaltig und in einer unkonventionellen Verpackung – so kommen die Kondome der Marke einhorn daher. Die Gründer des Präservativ-Unternehmens kamen ursprünglich aus der Berliner Digital-Szene. Beim Verkauf der einhorn Kondome, deren Verpackung Chips-Tüten nachempfunden ist, wird die Hälfte des gesamten Unternehmensgewinne sozial oder ökologisch reinvestiert. Als Unterzeichner des "Entrepreneur's Pledge" haben sich die Gründer zu ihrer sozialen Verantwortung bekannt.

Website: www.einhorn.my


Little Lunch

Die Brüder Dennis und Daniel Gibisch gründeten 2014 ein Unternehmen für Bio-Suppen. Mit ihren in Gläsern verkauften Suppen, Brühen und inzwischen auch Smoothies wurden die beiden zu einer etablierten Lebensmittelmarke. Die leckeren Suppen nach Rezepten von Sternekoch Gerhard Frauenschuh wurden bekannt, als sie vor drei Jahren bei der Vox-Serie "Die Höhle der Löwen" präsentiert wurden. Inzwischen wurde Little Lunch zur "Top Marke des Jahres 2018" durch die Lebensmittel Zeitung gekürt.

Website: www.littlelunch.de


Foto: Felix Thönnessen



Bauwerk
Ausgabe 03/2018