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Building Information Modeling – simulierte Visionen.

BIM. Ein großes Wort, über das schon unzählige Zeilen geschrieben wurden. Und das nicht weniger als eine neue, intelligentere Immobilienwelt verspricht. Davon ist einer unserer Kollegen ganz besonders überzeugt.

Manuel Prass, der als Projektmanager in der Arbeitsvorbereitung für LIST Bau Nordhorn arbeitet, macht nicht nur das, wofür er eigentlich angestellt ist.

Und wenn man so will, macht er zurzeit sogar doppelte und irgendwie auch überflüssige Arbeit. Grinsend sitzt er uns gegenüber und gesteht, dass man vielleicht einen seltsamen Eindruck von ihm gewinnen könnte. Dann wird er aber ernster und holt ein wenig aus: „Als ich vor gut einem Jahr hier angefangen bin, sollte ich mich mit der Erstellung eines Detailkataloges zwar zunächst um ein Sonderthema kümmern, danach aber ein fester Bestandteil des Teams der Arbeitsvorbereitung werden. Dann wurde aber entschieden, dass wir BIM in unsere Prozesse integrieren.“ Er erkennt die Fragezeichen in unserem Gesicht und ergänzt: „Im Studium und dem anschließenden Berufseinstieg in den Niederlanden habe ich bereits Erfahrungen im Umgang mit 3D-Modellen und dem Thema BIM gesammelt. Aufgrund dieser Vorkenntnisse hatte ich die zusätzliche Aufgabe, unsere Abläufe und Strukturen auf BIM vorzubereiten. Bereits nach den ersten Schritten in 3D war klar, dass da noch viel mehr möglich ist als geplant. Es entwickelte sich ein Plan B, dessen Umsetzung letztendlich viel schneller in Kraft getreten ist, als ich es mir je hätte erträumen können. Jetzt habe ich die Chance, die vollumfängliche Integration von BIM in der List Gruppe aktiv mitzugestalten. Darüber freue ich mich noch heute wie ein kleiner Junge.“


Es wird der Tag kommen, an dem wir durch das Objekt spazieren können, bevor überhaupt ein Bagger über die Baustelle gerollt ist.


Manuel, der durch und durch als Planer unterwegs ist, hat natürlich etwas vorbereitet und legt uns den Ausdruck eines 3D-Modells auf den Tisch. Zu sehen ist eine halb modellierte Logistikimmobilie. Stützen, Träger und das Dach. „Wir steigen sanft in die 3D-Welt ein. Während meine Kollegen auf der Baustelle schon deutlich weiter sind, durchlaufe ich das Projekt ein zweites Mal. Ich modelliere, führe Kollisionsprüfungen durch oder ermittle Mengen. All das, was die Kollegen bereits erledigt haben. Aber eben digital und in 3D. So können wir die beiden Vorgehensweisen nach Fertigstellung miteinander vergleichen und unsere Schlüsse ziehen.“ Davon, dass diese sehr positiv ausfallen werden, ist Manuel überzeugt. Die ersten Vorteile hat er bereits erfahren. Außerdem hat er ganz klare Visionen von der Zukunft, die vor Begeisterung förmlich aus ihm heraussprudeln.

Wissen war Macht

„Unser Geschäft ist so persönlich wie kaum ein anderes, aber Inselwissen gehört leider nach wie vor zur Tagesordnung“, beschreibt Manuel die aktuelle Situation der Branche. Die digitale Umgebung gebe es schlichtweg nicht her, dass man immer und überall auf die projektbezogenen Daten von Projektpartnern, Auftragnehmern oder -gebern zugreifen kann. So der Status quo. „Und jetzt muss man sich mal vorstellen, dass mit BIM jeder Planer dieser Welt per Knopfdruck up to date sein kann. Jeder Baustellenleiter immer und überall nachvollziehen kann, was zuletzt im Büro entschieden wurde. Und jeder Bauherr oder Nutzer im Betrieb bei einer defekten Tür im 3D-Doppelgänger des Bauteils die für die Reparatur notwendigen technischen Daten auslesen kann. Wie cool wird das denn bitte? Das verändert unsere komplette Zusammenarbeit“, zeigt sich Manuel begeistert. „Dieses Maß an Transparenz übertrifft alles, was wir bislang kennen. Es verändert die ganze Branche. Jedes Projekt wird zu einem offenen Buch und sämtliches Wissen wird geteilt. Das dient vor allem einem: dem Projekt.“

Einmal ist keinmal

„Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, wenn man eine individuell geplante und gebaute Immobilie das erste Mal betritt. Und dieses Gefühl wird auch für immer einzigartig bleiben“, wechselt Manuel das Thema. „Aber wie wäre es, wenn wir genau das zukünftig zweimal pro Projekt haben können?“ Er glaubt fest daran, dass schon in naher Zukunft der Tag kommt, an dem alle Immobilien digital komplett vorgebaut werden. An dem für die Herausforderungen, die heute auf den Baustellen vor Ort gelöst werden müssen, schon am PC die beste Lösung gefunden werden. Und an dem er gemeinsam mit dem Auftraggeber durch das Objekt spazieren kann, bevor überhaupt ein Bagger über die Baustelle gerollt ist.


Meine größte Vision ist eigentlich, dass all das in fünf Jahren schon keine Visionen mehr sind.

„Unsere Prozesse werden einmal auf den Kopf gestellt. Dabei wird es einen BIM-Manager geben, der über den einzelnen Disziplinen steht und den Laden zusammenhält. Alle anderen Projektbeteiligten können sich auf das konzentrieren, was sie am besten können“, erläutert Manuel. „Das macht nicht nur uns noch effizienter, sondern sorgt auch dafür, dass sich Bauherren voll und ganz auf die Nutzung und Architekten voll und ganz auf die Architektur konzentrieren können. Das ist einfach genial.“ Jeder kenne seine eigene Perspektive schließlich am besten. Außerdem – so ist sich der Projektmanager sicher – wird das 3D-Modell die Lücken zwischen den Büros aller Beteiligten und der Baustelle schließen. So könnte man abends zum Beispiel von Köln aus im Modell der Immobilie, die gerade in Stuttgart errichtet wird, in wenigen Minuten nachgucken, welche Bauteile im Verlauf des Tages montiert wurden. Mails müssten hierzu in jedem Fall nicht mehr verschickt werden.

Der Beginn einer neuen Zeitrechnung

„Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass man einen seltsamen Eindruck von mir gewinnen könnte. Mit meinen Visionen wird das vielleicht nicht unbedingt besser“, schmunzelt Manuel über sich selbst. „Aber das hat sich vielleicht schon bald erledigt. Denn meine größte Vision ist eigentlich, dass all das in fünf Jahren schon keine Visionen mehr sind. Wir stehen vor nicht mehr oder weniger als einer neuen Zeitrechnung. Wir werden eine Revolution unserer Arbeit und eine völlig neue Immobilienwelt erleben.“


Bauwerk
Aus der Ausgabe 02/2018