Christine Fenzl

Zeitlose Architektur:

Eine Position von Architektin Prof. Hilde Léon.

Welchen Einfluss haben Zeit und Geschwindigkeit auf die Architektur und Gebäude? Und kann ein Gebäude vollkommen zeitlos sein – unabhängig von Trends und Entwicklungen? Darüber gibt uns die Architektin Hilde Léon Aufschluss. Mit ihrem Architekturbüro kreierte sie unter anderem die architektonische Komposition für eines unserer Projekte in Hannover Vahrenwald.

Man kann Architektur nicht zeitlos entwerfen.

Ob eine Architektur über die eigene Zeit hinauswirkt, das entscheidet nicht der Architekt selbst. Aber auch dann ist sie mit ihrer Zeit verbunden.

Trends kommen. Trends gehen. Mal schnell. Mal langsam. Trends sind immer ein zeitlich begrenztes Phänomen und damit alles andere als zeitlos. Und ich bin überzeugt, dass man eins nicht kann: sich seiner Zeit komplett entziehen, auch wenn man sich den schnellen Trends widersetzen möchte. Wer meint, sich den Einflüssen seiner Zeit entziehen zu können, liegt in jedem Fall falsch. Trends zu folgen, sich Trends zu entziehen, sind die zwei Seiten der gleichen Medaille. Es gibt wenige Architekten, Künstler oder Kulturschaffende, die in ihrem Werk ihrer Zeit voraus sind, die eben nicht nur Trendsetter sind, sondern eine neue Entwicklung einleiten. Das ist in den seltensten Fällen ein Individuum, sondern ein reißender Strom, ein gutes Klima von sozialen Bedingungen und politisch-ökonomischen Umständen. Dann kann mehr entstehen, etwas radikal anderes, das in seinem Anderssein wiederum unmittelbar mit der Kultur seiner Zeit verbunden ist. 

Ein Architekt, der seinem Auftraggeber einen zeitlosen Entwurf vorstellt, gibt ein viel zu großes Versprechen ab. Ob ein Werk seine Zeit überdauert und möglicherweise eine Referenz für die Zukunft wird, das entscheidet nicht der schaffende Architekt selbst, sondern die Rezeption des Werkes.

Kommt Zeit, kommt Rat?

Ab und an kommt die Frage auf, ob das Bauhaus, also die Moderne der 1920er Jahre, eine zeitlose Architektur ist. Ja, die Architektur selbst konnte sich im Laufe der Jahre behaupten, hat ihre Zeit überlebt und ist heute noch wirkungsmächtig. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass diese Architektur in ihrer Zeit nur von wenigen goutiert und mehrheitlich massiv abgelehnt wurde. 

Dazu ein Beispiel: Die Villenbewohner in Berlin-Zehlendorf waren damals alles andere als begeistert über die neuen Nachbarn in den kleinen kubischen Reihenhäusern mit ihren Flachdächern der Architekten Taut, Salvisberg und Häring. Der Protest war groß. Heute aber – rund hundert Jahre später – hat sich eine grundsätzlich positive Haltung auch in der Allgemeinheit manifestiert. Warum? Weil die Gebäude zum einen den Qualitätsanspruch erfüllen, der den Stempel „zeitlose Architektur“ erlaubt. Und weil sie zum anderen mittlerweile über mehrere Architektur-Epochen hinweg für Begeisterung gesorgt haben. Sie haben den richtigen Grad an Prägnanz und punkten zudem auch mit unaufdringlicher Wirksamkeit. Übrigens gehört diese Waldsiedlung Zehlendorf inzwischen zum Weltkulturerbe. 

Ein architektonischer Entwurf kann erst einmal nur anspruchsvoll, nicht aber zeitlos sein. Wir Architekten können nur die Basis schaffen, über den Rest entscheidet die Gesellschaft im Laufe der Zeit. 

Können Gebäude den Effekt von Geschwindigkeit vermitteln?

Hilde Léon: „Schnelligkeit kann man mit einer gewissen Leichtigkeit zumindest andeuten. Und welcher Architekt träumt nicht von schwebenden Häusern? Da macht uns die Erdanziehung jedoch einen Strich durch die Rechnung. Aber ein Gebäude muss in optischer Hinsicht ja nicht immer so fest mit dem Boden verankert sein. Zumindest kann man den Eindruck eines ‚Schwebens‘ schaffen, indem man beispielsweise Auskragungen ermöglicht. Kommt dazu eine Gesamtfigur, in der durch Krümmungen und das augenscheinliche Wegklappen von Wänden weiter zur Leichtigkeit beigetragen wird, kommt gefühlt durchaus eine Geschwindigkeit ins Spiel. 

Andersherum funktioniert es eben auch. Man kann eine Schwere mit seinem Bauwerk erzeugen, die Bodenhaftung stärken, die Präsenz im Stadtraum erhöhen und damit auch Halt im Kontext geben.“ 

Nicht aus dem Konzept bringen lassen.

Wie aber erfüllt man den Qualitätsanspruch, von dem ich gerade gesprochen habe? Ein überzeugender architektonischer Entwurf hat einen eigenen Ausdruck, auch wenn Geschmäcker völlig verschieden sind. Mit den Kriterien schön und hässlich kommt man nicht wirklich weiter. Aber eines eint Immobilien, die das Potenzial haben, ihre Zeit zu überleben: Man spürt, dass den Gebäuden eine Idee zugrunde liegt und dass diese auch durchgehalten wurde. Dazu ein Beispiel: Arne Jacobsen ist wohl der bedeutendste Architekt der Nachkriegszeit aus Dänemark. Er hat sich der kühlen, klaren Moderne verschrieben. Seine Entwürfe sind sehr strukturell. Das Gymnasium Christianeum in Hamburg beispielsweise ist von ihm entworfen. Und ganz unabhängig davon, ob das Gebäude meinem Geschmack entspricht oder nicht, sind Idee und gestalterische Umsetzung schlüssig und überzeugend. Die zurückhaltende Einordnung in den grünen Stadtkontext des Villenvororts Othmarschen geht einher mit einer ideenreichen räumlichen Umsetzung, und das zieht sich bis zum Türknopf und zur Farbwahl, ja sogar bis zu den Möbeln und damit bis ins letzte Detail durch. 

[Treppenhaus im Bauhaus Dessau. Das Gebäude entstand von 1925 bis 1926 nach Plänen von Walter Gropius und diente in den Folgejahren als Schulgebäude für die Kunst-, Design- und Architekturschule Bauhaus. Mit dem Zweiten Weltkrieg begann die Leidenszeit der Immobilie. Vor allem ein Brand nach einem schweren Luftangriff hatte zerstörerische Kraft. Dem Verfall wurde aber entgegengewirkt. Ab 1965 fanden Rekonstruktionen, Restaurationen und in Teilen auch Modernisierungen statt. In den Jahren 1996 bis 2006 wurde das Bauhaus Dessau für 17 Millionen Euro nach den Plänen der 1920er Jahre und denkmalpflegerischen Prinzipien instand gesetzt und restauriert. Heute wird das Gebäude von der Stiftung Bauhaus Dessau genutzt.]

Für morgen und auch übermorgen.

Darüber hinaus ist das Attribut zeitlos auch unmittelbar mit dem Thema Nachhaltigkeit verknüpft. Abreißen und Neumachen ist ein Produkt der Moderne. In meinen Augen ist Erhalten und Weiterentwickeln etwas Erstrebenswertes, auch wenn es für alle Beteiligten, Bauherren wie Architekten, sehr anstrengend sein kann. Denn Architektur und deren Bestand sorgen mit für die Identität einer Nachbarschaft, für eine Stadt, sogar für ein Land. Für uns Architekten heißt das im Umkehrschluss, dass Gebäude auch ein Stück weit losgelöst von ihrer Nutzung entworfen werden müssen. Das müssen wir einfach im Auge behalten. Die Funktionsweise unserer Wirtschaft ist dafür sicher nicht ideal, denn die Immobilie wird heute als Ware gesehen, die irgendwann abgeschrieben ist und damit indirekt für den Abriss freigegeben wird. Aber wir können auch mit Qualität auf das Ziel der Langlebigkeit einzahlen. Einen großzügigen Charakter erzeugt man beispielsweise nicht nur durch offene Grundrisse, sondern auch mit entsprechenden Raumhöhen, Fluchten oder Sichtachsen, eben mit Qualitäten für den Raum und den umgebenen Freiraum.

Fordern und fördern.

Was bei alldem nicht vergessen werden darf: Gute Architektur ist nicht allein eine Leistung des Architekten. Auch Stadt und Bauherr nehmen wichtige Rollen ein. Sie geben die Rahmenbedingungen und damit den Spielraum vor. Außerdem können sie den Architekten fordern. Sie sollten Sparringspartner sein und einen klaren und hohen Anspruch formulieren. So kann in Zusammenarbeit Großartiges entstehen. Und vielleicht sogar ein beispielhafter Zeitzeuge, an dem die Jahre und damit auch die Trends nur so vorbeirauschen werden. 

Gemeinsames Projekt: Büro- und Geschäftshaus Hannover-Vahrenwald.

An einer der größten Verkehrsadern Hannovers, der Vahrenwalder Straße, ist in den vergangenen knapp zwei Jahren ein neues Entrée für Hannovers Innenstadt entstanden: Die Unternehmen der LIST Gruppe haben dort ein Büro- und Geschäftshaus mit einem Mix aus Hotel-, Büro- und Handelsflächen entwickelt und gebaut. 

Die architektonische Komposition stammt von léonwohlhage. Optisch orientiert sich die Immobilie an der direkten Nachbarschaft, in der sich auch das historische Continental-Gebäude befindet. Der Neubau fügt sich damit perfekt in den Ortsteil ein. Gleichzeitig ist es mit der abgerundeten Backsteinfassade gelungen, einen ganz eigenen Charakter zu erzeugen. 

Ob das reicht für den Stempel „zeitlose Architektur“? Das werden wir wohl erst in 100 Jahren wissen. Vielleicht schon etwas früher.

Christine Fenzl

Über die Architektin Hilde Léon. 

Hilde Léon ist Architektin und Geschäftsführerin des Architekturbüros léonwohlhage, das sie 1987 gemeinsam mit Konrad Wohlhage († 2007) in Berlin gründete. Sie studierte Architektur an der Technischen Universität Berlin und vertiefte ihr Studium mit einem Stipendium des DAAD an der Universität Venedig.

Parallel zu ihrer professionellen Entwicklung als Architektin ist Hilde Léon in Lehre und Forschung tätig. Von 1997 bis 1999 hatte sie eine Gastprofessur an der Hochschule für bildende Künste Hamburg inne. 2000 wurde sie als Professorin an die Leibniz Universität Hannover berufen und nimmt derzeit das Amt als Dekanin der Fakultät für Architektur und Landschaft wahr.