picture alliance/dpa / Rolf Vennenbernd

Wie kommt das Wissen in die Welt –

und wie bringt man es in die Köpfe der Menschen?

Bei den Menschen, die vor einer Million Jahren gelebt haben, entstand Wissen aus Beobachtung und Erfahrung. Wie sind die Menschen darauf gekommen, dass man Oliven essen kann? Vom Baum gepflückt schmecken sie scheußlich. Ungenießbar, unser Geschmackssinn sagt: giftig!

Irgendwann einmal muss eine Olive in Salzwasser gefallen sein. Und irgendwann einmal später muss ein Mensch so eine Olive probiert haben. Und irgendwem muss sie auch mal 
geschmeckt haben. Die Menschen damals lebten in Gruppen von maximal zweihundert Personen. Die Olivenfrau oder der Olivenmann wird die Entdeckung mit der jeweiligen Gruppe geteilt haben. Der Rest der Menschheit blieb dumm. Bis sich das Wissen über die Oliven doch verbreitet hat.

Ob das mit den Oliven wirklich so war, können wir nur vermuten. Aber eines wird schon klar: Es kann sehr lange gedauert haben. Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende. Soweit wir wissen, kennen Menschen das Feuer seit 100.000 Jahren. Aber erst vor etwa 15.000 Jahren haben sie gelernt, Feuer zu machen. 

Auch Tiere können beobachten und Erfahrungen machen. Aber die Menschen haben etwas, das Tiere nicht haben: Sie können sprechen und mit der Sprache Beobachtungen und Erfahrungen, also Wissen, weitergeben.

Und dieses Weitergeben von Wissen ist sehr entscheidend. Wir müssen nicht jede Erfahrung selbst machen. Wir können von unseren Beobachtungen erzählen. Unser Gehirn erlaubt uns, Schlüsse zu ziehen, aus Beobachtungen allgemeinere Erkenntnisse zu gewinnen. 

Wir wissen, wie man Spiegeleier brät oder Nudeln kocht. Aber wenn wir wissen wollen, warum Eiweiß stockt und warum die Spaghetti weich werden, sind wir schon auf Spezialist:innen angewiesen. Vieles von dem, was wir zu wissen meinen, stammt aus zweiter, dritter oder vierter Hand. 

Lange glaubten die Menschen, alle Sterne drehen sich um die Erde. Heute glauben wir zu wissen, dass das nicht so ist. Was hat sich geändert? Die Sonne zieht weiter ihre Bahn, die Jahreszeiten sind dieselben wie immer. Die Beobachtungen der Wissenschaft haben gezeigt, dass sich die Erde und die anderen Planeten des Sonnensystems um die Sonne drehen. Das wissen wir heute, weil wir den Wissenschaftler:innen glauben, ihren Aussagen vertrauen.

Das meiste, was wir heute als Wissen der Menschheit bezeichnen, ist vermitteltes Wissen. Wobei es noch nie so war, dass alle Menschen alles wussten. Es gab immer Spezialwissen, zum Beispiel das des Handwerks.

Heute wird Wissen immer verfügbarer. War das Wissen über die Oliven und das Salzwasser nur auf den Clan beschränkt, machen uns die Suchmaschinen heute fast alles verfügbar. Man muss eigentlich nur richtig fragen können. Aber auch zum Fragen braucht man Wissen. 

Ich arbeite für die „Sendung mit der Maus“, von der viele sagen, sie sei „lehrreich“, vermittle Wissen, kläre über Zusammenhänge auf. Eigentlich wollen wir nur unterhalten. Dabei machen wir uns aber etwas zu Nutze, das die Menschheit in ihrer langen Geschichte gelernt hat: Wissen ist gut und nützlich, mit Wissen kann man das Leben besser machen. Und so ergibt es sich, dass unsere Zuschauer:innen es als angenehm empfinden, wenn sie nach einer fünfminütigen Sachgeschichte schlauer sind als vorher. Das klingt erstmal leicht.

Aber es gibt ein paar Dinge, die das schwer machen. Da ist einmal, dass wir Fernsehen machen, also Bilder brauchen. Und zum zweiten, dass wir für Kinder arbeiten. Bei 
Kindern kann man nichts voraussetzen – und auch ehrlicherweise nichts behaupten. Nicht umsonst ist es in der Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern ein Kind, das ausruft: „Der hat ja nichts an!“

Wir haben also ein sehr kritisches Publikum, dem wir zum Beispiel mit dem Foucault’schen Pendel beweisen müssen, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Dass wir kein Wissen voraussetzen, hat natürlich auch den Vorteil, dass viele Erwachsene mit den Sachgeschichten Fragen beantwortet bekommen, die sie sich gar nicht mehr zu fragen trauten. 

Das Aufwendigste bei unserer Arbeit ist das Finden der Bilder. Zeitraffer und Zeitlupen helfen, das zu sehen, was das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann. Viel Geduld, wenn man Tiere beobachten will – und auch Kinder tun vor der Kamera nicht immer das, was man sich wünscht. Wir müssen die Welt den Kindern sichtbar machen – anschaulich!

Um unsere Sachgeschichten so zu gestalten, dass sie Spaß machen und vor allem auch verstanden werden, hat sich unserer Auffassung nach etwas sehr bewährt: eine Geschichte erzählen! Am Anfang steht ein Problem, im einfachsten Fall eine Frage. Ich will etwas wissen, weiß es aber nicht. Das weckt Neugierde, die Geschichte soll weitererzählt werden. Wie kann das Problem gelöst werden? Das Problem oder die Frage muss so interessant sein, dass man es wirklich wissen will. Wollten Sie nicht auch immer schon mal wissen, warum in jedem Würstchen ein Knick ist? Oder warum ich auf dem Kopf stehe, wenn ich in meinen Suppenlöffel schaue? Oder etwas weltbewegender? Bitte: Wie funktioniert eigentlich dieser Treibhauseffekt und was macht er mit dem Klima? Auch dazu gibt es Sachgeschichten: „Sonnenwärme“ und „Gewächshaus“.

Auch wie die Bundestagswahl funktioniert oder wie ein Gesetz gemacht wird, haben wir in der Maus erklärt. Obwohl … Wenn man mich fragen würde, wie das genau war, könnte ich die Frage sicher nicht fehlerfrei beantworten. Aber es ist ja nicht Aufgabe der „Sendung mit der Maus“, abfragbares Wissen zu vermitteln. 

Was wir vermitteln können und auf möglichst unterhaltsame Weise auch tun wollen, ist, dass es in der Welt spannende Dinge zu entdecken gibt. Dass es sich lohnt und Spaß macht, neugierig zu sein. Dass man auch komplizierte Dinge verstehen kann. Schließlich habe ich mir am Ende der Sachgeschichte ja gesagt: Ach ja, so geht das, ist ja interessant. Und nach einer Woche, wenn man es dann schon nicht mehr so genau weiß, kann man sich sagen: Ich weiß es zwar nicht mehr so genau, aber ich habe es mal verstanden; ich kann es verstehen.

Bis sich das Wissen um die Oliven in der Welt verbreitet hat, gingen sicher einige Jahrtausende ins Land. Heute ist Wissen jederzeit verfügbar. Heute kann man das einfach und schnell in jeder Suchmaschine finden. Natürlich muss man erst einmal auf die Frage kommen. Man muss also wissen, dass es Oliven gibt, dass sie normalerweise nicht frisch vom Baum gegessen werden und so weiter.

Dass Wissen heute so leicht verfügbar ist, ersetzt also nicht die Bildung, ein Wissen um Zusammenhänge, Allgemeinbildung. So wie Humboldt oder Goethe noch einen guten Teil des Wissens ihrer Zeit im Kopf hatten, wird es heute niemandem mehr gehen. Dazu ist die Menge des Wissens einfach zu groß geworden. Dafür verbreitet sich auf der anderen Seite das Wissen heute auch geradezu rasant. Weil Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer auf dem gleichen Stand sein können wie die Kolleginnen und Kollegen, die auf demselben Gebiet forschen, machen sie viel raschere Fortschritte. Irrwege, die in der Forschung ja immer wieder vorkommen, bleiben ihnen teilweise erspart. 

Ich habe bei der vielfältigen Arbeit für die „Sendung mit der Maus“ viel erfahren und einiges an Wissen angehäuft. Darunter ist sicher auch viel überflüssiges Wissen. Trotzdem fühle ich mich mit jedem bisschen Wissen ein kleines Stück reicher. Deswegen bleibe ich wissens-begierig!

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Über den Autor.

Egal ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, fast alle kennen ihn: Christoph Biemann. Der Mann mit dem türkisgrünen Pullover, der uns allen in der „Sendung mit der Maus“ die Welt erklärt. Der Moderator, Autor, Regisseur und Darsteller hat das Talent, komplizierte Dinge einfach und humorvoll zu erklären. Geboren ist Biemann 1952 in Ludwigslust und aufgewachsen in Hildesheim. Nach dem Abitur studierte er an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München. Seit 1975 arbeitet er für den WDR als Teil des „Sendung mit der Maus“-Teams. Er hat mehrere Kinder-, Jugend-  und Sachbücher geschrieben.