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Teil 2: Urbane Utopien –

vom Masterplan bis zur Favela.

Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die in Metropolen leben, stark an. Derzeit wohnen etwa 55 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass es 2050 bereits mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung sein werden. Das stellt die Entwicklung der Städte vor große Herausforderungen und vor gewaltige ökologische, soziale und ökonomische Fragen – mit ganz unterschiedlichen Antworten. Ein Blick auf die Extreme der Stadt.

Rückblick Teil 1.

Wir haben in "Teil 1: Urbane Utopien" unter anderem darüber berichtet, dass Städte hochkomplexe Gebilde sind und ihre Entwicklung so vielfältig ist, wie die Städte selbst. Anhand weiterer Beispiele stellen wir uns einmal mehr die Frage, was den Reiz einer Stadt ausmacht. 

Beispiel 04 | Das dunkle Labyrinth.

In der legendären Siedlung Hak Nam in Hongkong lebten 40.000 Menschen auf engstem Raum zusammen. Die bis zu 14 Stockwerke hohen Gebäude der „Ummauerten Stadt“ standen dicht an dicht und türmten sich zu einer mittelalterlich anmutenden Festung auf. Es gab keine Straßen zwischen den Häusern, sondern nur sehr enge Gänge. Durch sie hindurch liefen brüchige Kabel und Rohre, in denen Strom und Wasser aneinander vorbeiflossen, die von den Hauptleitungen abgezapft worden waren. Abfall, der aus den oberen Stockwerken geworfen wurde, verfing sich in den Leitungen und verdunkelte die feuchten Gänge darunter. Die Siedlung bot nicht nur über Jahrzehnte hinweg Tausenden von Menschen ein Zuhause, es gab auch Schlachtereien, Geschäfte, Apotheken, Zahnarztpraxen und Fabriken.

Beispiel 05 | Schrumpfende Stadt.

„Stahl, Brot und Frieden“, unter diesem Leitspruch legte die DDR-Regierung im August 1950 den Grundstein ihrer ersten sozialistischen Musterstadt. Die Arbeiter und ihre Familien sollten in direkter Nachbarschaft der Hochöfen des Stahlwerks Eisenhüttenkombinat Ost wohnen. Der Architekt Kurt Walter Leucht hatte die Stadt nach den von der DDR-Regierung festgelegten Grundsätzen des sozialistischen Städtebaus entworfen: Schulen und Kindergärten sollten von jeder Wohnung aus schnell zu Fuß zu erreichen sein. Auch ein großes Theater gehörte zur Planstadt. Zunächst wurde sie Stalinstadt genannt, Anfang der 1960er Jahre dann in Eisenhüttenstadt umbenannt. Mehr als 50.000 Menschen lebten einst in Eisenhüttenstadt, 18.000 Beschäftigte arbeiteten zur Hochzeit in dem größten Stahlwerk der DDR. Heute sind nur noch etwa 28.000 Einwohner geblieben und die Stadt schrumpft weiter. 
 

Beispiel 06 | Ein See im Zentrum.

Die neue chinesische Hafenstadt Lingang soll auf 74 Quadratkilometern Wohnraum für 800.000 Menschen bieten und so das enorme Bevölkerungswachstum von Shanghai aufnehmen. Um diese Stadt am Reißbrett zu entwerfen, lobte das Stadtplanungsamt von Shanghai einen internationalen Wettbewerb aus. Der erste Preis ging an das Hamburger Architekturbüro gmp, von Gerkan, Marg und Partner. Das Besondere an ihrem Plan: Den Mittelpunkt der neuen Stadt soll nicht ein verdichtetes Zentrum bilden, sondern ein kreisrunder See von 2,5 Kilometer Durchmesser mit einer Seepromenade und Badestrand. Kulturbauten und Freizeitangebote sind auf Inseln situiert und mit Schiffen erreichbar. Um den See herum liegt in einer Ringbebauung ein Businessdistrikt, in dem sich das Zentrum des städtischen Lebens befindet. Um den geschäftlichen Bezirk herum liegt ebenfalls als Ring angeordnet ein Stadtpark und schließlich folgen blockartige Wohnquartiere. 2003 begannen die Arbeiten für die Planstadt. 2008 war der erste Bauabschnitt für 80.000 Einwohner abgeschlossen. Für den zweiten und dritten Bauabschnitt wird Fläche durch Aufschüttung dem Meer abgerungen.