Quelle: LIST Gruppe

Das blaue Wunder.

Zu Besuch in der Blaudruckerei in Jever.

Die Blaudruckerei ist ein fast ausgestorbenes Handwerk: In nur noch acht Betrieben in Deutschland arbeiten Blaudrucker:innen. Die jüngste von ihnen ist Sabrina Schuhmacher, die Anfang 2021 die Geschäfte der Blaudruckerei in Jever übernommen hat und das alte Handwerk nun weiterführt – mit neuen und kreativen Ideen. Das alte Druck-Färbeverfahren gehört sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Das blaue Wunder vollzieht sich in einem kreisrunden Becken, das im Fußboden eingelassen ist. Darin schwimmt eine dunkelblaue Flüssigkeit. Die sogenannte Küpe ist das Herzstück der Werkstatt von Sabrina Schuhmacher. In dem drei Meter tiefen Becken färbt die junge Modedesignerin und Handwerkerin Stoffe nach einem uralten Blaudruckverfahren.

Der Blaudruck ist ein Färbeverfahren, das seit Jahrhunderten praktiziert wird. Die Ursprünge liegen in Indien. Von dort wurde das Verfahren zusammen mit der Pflanze Indigo von Seefahrern vor etwa 400 Jahren mit nach Europa gebracht. Man kannte bis dahin in Europa nur die Pflanze Färberwaid, mit der man zwar auch Stoffe blau drucken konnte. Aber es war ein sehr schwaches Blau und man konnte keine Muster damit färben. Die erste Blaudruckerei in Europa wurde in Amsterdam eröffnet und das Handwerk verbreitete sich rasch. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es überall in Europa Blaudruckbetriebe, mit der Entwicklung industrieller Färbeprozesse aber verlor das Handwerk zunehmend an Bedeutung.

Jedes Produkt ist ein Unikat.

Mitten in der Innenstadt von Jever, in einem roten Backsteinspeicher von 1822, treffen wir Sabrina Schuhmacher. Hinter einem grünen Holztor befindet sich ihre Blaudruckerei, die gleichzeitig Werkstatt, Verkaufsraum und Museum ist. Die kleinen blauen Säckchen, die auf dem Tresen liegen, verströmen einen Duft nach Lavendel. Und es hängt noch ein ungewohnter, etwas süßlich-herber Geruch in der Luft. Er stammt von der Indigo-Farbe, mit der Schuhmacher färbt. Die 25-Jährige betreibt eine der letzten Blaudruckereien in Deutschland, in lediglich acht Betrieben wird noch nach dem traditionellen Verfahren mit Hand gedruckt und gefärbt. „Ich will zeigen, dass traditioneller Blaudruck auch modern sein kann und nicht altbacken sein muss“, sagt Schuhmacher.

Überall im Raum hängen und liegen blau gefärbte Schürzen, Tücher, Tischdecken, Kissenbezüge, Wandbehänge, Kleider, Blusen, Schlüsselanhänger und Portemonnaies. Alles von Hand gefertigt und jedes jedes einzelne Stück Stoff ein Unikat. „Jedes Produkt wird etwas anders“, sagt Schuhmacher. Da das Muster jedes Mal von Hand gesetzt wird, ist es ausgeschlossen, dass zwei vollkommen identische Produkte entstehen.

Der größte Schatz sind die Modeln.

Während ihres Studiums zur Modedesignerin in Hannover beschäftigte Schuhmacher sich mit dem Blaudruck, lernte die Manufaktur in Jever und ihren vorherigen Besitzer Georg Stark kennen und begeisterte sich schnell für das alte Handwerk. Als sie erfuhr, dass Stark händeringend eine:n Nachfolger:in suchte, beschloss sie, sich selbstständig zu machen und die Blaudruckerei zu übernehmen. Kein einfacher Schritt. Von der Buchhaltung bis zur Drucktechnik musste sie sich alles in kurzer Zeit aneignen. Fast täglich steht sie seitdem in dem Speicherhaus, arbeitet oft von morgens früh bis abends. Bereut hat sie den Schritt aber trotzdem nicht. „Man braucht schon viel Leidenschaft, Begeisterung und Geduld, aber mir macht es großen Spaß. Und ich kann immer wieder neue, kreative Wege finden, Muster neu kombinieren, neue Produkte entwickeln.“

Der größte Schatz ihrer Manufaktur liegt in einigen Regalen gestapelt. Die Druckplatten, auch Modeln genannt, mit Blumenmustern, biblischen Motiven, pompösen Mustern, exotischen Blumen und auch einigen modernen Motiven von Anfang des 20. Jahrhunderts. In unvorstellbar aufwendiger Handarbeit wurden die Modeln vor 100 bis 400 Jahren gefertigt. Damals gab es einen eigenen Beruf, den Formstecher, der die Druckmodeln herstellte und der heute so gut wie ausgestorben ist. Auf der Unterseite sind filigrane Muster in das Holz geschnitzt, dazwischen kleine, feine Metallstifte gleichmäßig angeordnet. Schuhmachers Vorgänger hat in aufwendiger Recherche 600 alte Modeln aufgetrieben, ist dafür viel herumgereist, um die alten Schätze zu heben.

Sechs Kilogramm Indigopulver werden aufgelöst.

Schuhmacher wählt eine der Druckplatten aus. „Das ist eine Model aus der Region hier und etwa 250 Jahre alt, eine Streublume, typisch für die Biedermeierzeit.“ Sie presst die Model in eine feuchte Masse, den sogenannten Druckpapp, ein Gemisch mit Harz, das von der Konsistenz an Wachs erinnert und das Schuhmacher nach einem alten Rezept selbst mischt. „Das funktioniert wie mit einem großen Stempelkissen“, sagt sie und tritt an einen großen Tisch, auf dem ein weißes Tuch ausgebreitet liegt. Sie drückt die Holzmodel kräftig auf den Stoff, sodass ein blasses Muster entsteht. „Das nennt man in der Fachsprache Reservedruck, der Stoff wird an der Stelle reserviert“, erklärt Schuhmacher. An den bedruckten Stellen ist der Stoff nun geschützt und wird beim Färben ausgelassen.

Nachdem Schuhmacher die Druckplatten mehrfach auf den Stoff gedrückt hat, spannt sie den Stoff an einen Metallring, der über dem Färbebecken hängt. An einem langen Seil lässt sie den Ring langsam hinunter, sodass der Stoff vollständig in die Küpe mit der Indigo-Lösung getaucht wird. Um das Becken zu füllen, braucht sie fünf bis sechs Kilogramm Indigopulver, das sie mit Eisensulfat im Wasser löst.

15 Minuten später zieht sie den Stoff wieder heraus und jetzt erkennt man auch, woher der Ausdruck „das blaue Wunder erleben“ stammt. Gelbbräunlich hängt der nasse Stoff zunächst über dem Becken. Nach wenigen Minuten oxidiert die Farbe mit Sauerstoff und wird erst grün und schließlich blau. Je nachdem wie dunkelblau der Stoff werden soll, wiederholt Schuhmacher den Vorgang. Je öfter der Stoff in die Farblösung getaucht wird, desto intensiver ist die Blaufärbung.

Wenn der Stoff getrocknet ist, gibt sie ihn in einen Bottich mit Wasser und dann beginnt ihr Work-out. Schuhmacher steigt in den Bottich und stampft mit den Füßen, um den Stoff zu waschen. Früher machten die Handwerker:innen das mit den nackten Füßen, Schuhmacher trägt heute Gummistiefel, so viel Modernität verträgt das alte Handwerk. Anschließend kocht sie den Stoff aus und hängt ihn dann zum Trocknen auf den Boden des Speichers. Die meisten Produkte verkauft sie in ihrem Laden, besonders in den Ferienzeiten kommen viele Kunden vorbei. Langfristig kann sie sich auch vorstellen, noch einen Online-Shop aufzubauen. Und in Zukunft möchte die junge Handwerkerin auch mehr Kleidung färben und verkaufen, „moderne Schnitte in Kombination mit historischen Mustern“, das kann sie sich gut vorstellen.

Quelle: LIST Gruppe

Drei Fragen, drei Antworten.

Kann man auch maschinell blau drucken?
Natürlich kann man heute viel schneller und effizienter Stoffe industriell in Blau und Weiß drucken. Sabrina Schuhmacher sagt, dass man allerdings immer den Unterschied sehen würde, ob etwas industriell gefertigt wurde oder mit dem aufwendigen Blaudruckverfahren. Fest steht auf jeden Fall, dass nach dem traditionellen Verfahren jedes Produkt ein Unikat ist. Denn das Aufdrucken per Hand und der Färbvorgang lassen jedes Stück Stoff hinterher anders aussehen. Und ihre Produkte könne man beliebig oft auch als Kochwäsche waschen, ohne dass sich die Farbe auswäscht, verspricht Schuhmacher.

Gibt es auch synthetischen Indigo?
Eine der wichtigsten Farbstoffgruppen zum Färben von beispielsweise blauen Jeans ist ein synthetisch hergestelltes Indigoblau. Ein wesentlicher Bestandteil ist Anilin, das aus Erdöl gewonnen wird und im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Der erste synthetische Indigo wurde Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt. Bis zu dem Zeitpunkt wurde Indigo ausschließlich aus Pflanzen gewonnen. Heute ist Indigo aus pflanzlichen Rohstoffen weitgehend verdrängt. Durch das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit nimmt die Bedeutung von natürlichen Farbstoffen aber wieder zu. In den Blaudruckereien werden die Produkte seit jeher ohne chemische Farbstoffe hergestellt.

Gibt es das Handwerk ausschließlich für die Farbe Blau?
Ja, dieses Druckverfahren funktioniert nur mit der Indigopflanze und mit Indanthren. Das Verfahren und der Farbton bei Indanthren sind wie bei Indigo, allerdings ist Indanthren noch farbechter. Gardinen färbt Schuhmacher daher häufig mit Indanthren, da diese durch starke Sonneneinstrahlung mit der Zeit leicht verblassen könnten. Die Pflanze Färberwaid, die es vor dem Indigo schon in Europa gegeben hatte, kann beispielsweise nur mit heißem Wasser Stoffe färben. In heißem Wasser würde das Verfahren aber nicht zusammen mit der Harzgemisch-Drucktechnik funktionieren, weil der Reservedruck dann in dem heißen Färbewasser sich schon vom Stoff lösen würde. Das heißt, mit der Färberwaidpflanze kann man keine Muster drucken. Mit anderen natürlichen Farben gäbe es das gleiche Problem. Schuhmacher färbt daher nur mit Blau. Sie hat lediglich einige ganz wenige Produkte mit im Verkauf, die mit chemischen Farben (rote oder grüne Aufdrucke) eingefärbt und nicht im Blaudruckverfahren hergestellt worden sind.

Handwerksvorführungen.

Jeden Mittwoch um 15:00 Uhr führt Sabrina Schuhmacher in ihrer Manufaktur den Blaudruck vor. Sie zeigt das Drucken und Färben in der Indigoküpe und erklärt den geschichtlichen Ursprung des Handwerks und der Muster. Die Vorführung kostet 6 Euro pro Person, eine Anmeldung ist nicht notwendig. Auch Gruppen können eine Vorführung buchen.

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